1340: Wolf Biermann über Gregor Gysi und Dieter Dehm

Der Dichter und Liedermacher Wolf Biermann, der 1976 aus der DDR ausgebürgert wurde, wird demnächst 80 Jahre alt. Er war mehrfach dazu gedrängt worden, seine Memoiren zu schreiben. Angesichts seines bewegten politischen und künstlerischen Lebens eine verständliche Bitte. Nun hat er sie erfüllt. Seine Memoiren umfassen 576 Seiten. In einem Interview mit Sven Michaelsen (SZ-Magazin 7.10.16) spricht Biermann davon, dass 200 Stasi-Spitzel 50.000 Seiten über ihn zusammengetragen haben. Das ganze Interview ist hochinteressant. Ich bringe nur einen kurzen Ausschnitt.

SZ-Magazin: Sie zitieren in Ihrem Buch Heinrich Heines Satz: „Man muss seinen Feinden verzeihen, aber nicht eher, als bis sie gehängt werden.“ Geben Sie einem Gregor Gysi die Hand?

Biermann: Natürlich bin ich wie die meisten Leute versöhnungssüchtig, aber der Dichter muss sich leisten, nicht jedem Schweinehund zu verzeihen. Günter Schabowski war eine Kanaille des Regimes, aber da er ein guter Verräter wurde, kann ich ihm die Hand geben. Küssen muss man deswegen nicht gleich. Ich werfe Gysi nicht vor, dass er, wie der Immunitätsausschuss des deutschen Bundestags belegt hat, mit der Stasi zusammengearbeitet hat. Das ist gar nichts für mich, meine besten Freunde waren IM. Gysi habe ich im Dezember 1989 die Hand gegeben, weil ich glaubte, er könne ein guter Verräter werden. Aber dann erlebte ich, dass er es schaffte, das in der ganzen Welt verteilte Raubvermögen der SED elegant in die Demokratie rüberzuretten. Das ist reaktionär.

SZ-Magazin: Als Sie vor zwei Jahren zum 25. Jahrestag des Mauerfalls im Bundestag ein Lied singen sollten, wichen Sie vom Protokoll ab und sagten mit Blick auf die Abgeordneten der Linkspartei: „Ihr seid dazu verurteilt, das hier zu ertragen. Ich gönne es euch.“

Biermann: Ich hatte wirklich vor, wie es verabredet war, nur ein Lied zu singen. Aber dann lümmelte sich vor meiner Nase fröhlich der Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi, Willy, also Dieter Dehm, der nach meiner Ausbürgerung im Westen mein Manager wurde. Als ich die Fressen von diesem und anderen Missetätern sah, musste ich meinem Herzen Luft machen und sagte: „Ihr seid weder links noch rechts. Ihr seid reaktionär.“ Als juristische Person ist die Linke heute immer noch die SED-Partei, die eben niemals aufgelöst wurde. …

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