Der NSU-Prozess ist jetzt schon einer der längsten Prozesse in der Bundesrepublik Deutschland. Und er ist teuer. Alles zahlt der Staat. Annette Ramelsberger beobachtet den Prozess vom ersten Tage an für die SZ (15.7.16). Sie schreibt:
„Inhaltlich ist im NSU-Prozess nichts Neues mehr zu erwarten.“
Das Gericht puffere sein Urteil nur noch gegen die Revision ab. In Norwegen habe der Prozess gegen Anders Breivik von der Anklage bis zum Urteil ganze vier Monate gedauert.
„Der NSU hat über 13 Jahre hinweg aus dem Untergrund zwei Sprengstoffanschläge, 15 Banküberfälle und zehn Morde begangen – ein Geständnis gibt es (anders als im Fall Breivik) nicht. Auch der Verfassungsschutz tut noch immer alles, damit seine Rolle nicht zu sehr beleuchtet wird. Das hat Tradition. Auch im bisher längsten Prozess der Nachkriegszeit, dem
Schmücker-Prozess in Berlin,
blockierte der Geheimdienst die Aufklärung, er ließ sogar die Tatwaffe verschwinden, mit der der Linksterrorist und V-Mann Ulrich Schmücker getötet worden war. 15 Jahre dauerten die Prozesse, am Ende stellte das Gericht alles ein – weil die Wahrheit nicht mehr zu ermitteln war.
So weit ist es im NSU-Prozess nicht. Das Gericht kann die Wahrheit recht gut einkreisen.
Es sollte nur nicht mehr allzu lang damit warten.
Denn auch historische Prozesse haben ein Verfallsdatum. Wenn die Richter den Punkt des allgemeinen Überdrusses überschreiten, dann ist das Urteil am Ende nur noch juristisch, aber nicht mehr gesellschaftlich relevant. Und das wäre gerade beim NSU-Prozess bitter. Denn der Prozess hat einen Blick in den
deutschen Abgrund
eröffnet, wie es ihn selten gibt: auf alle Fehler der Nachwendezeit, auf naive Polizisten, ignorante Geheimdienstler, eiskalte Rechtsradikale und angeblich brave Bürger, denen zehn Tote völlig egal sind. Der Prozess ist eine Geschichtsstunde, aus der man für Gegenwart und Zukunft viel lernen könnte. Wenn Geschichtstunden aber ewig dauern, dann zermürben sie.“