1209: Müller zerpflückt Biller.

Maxim Billers neuer Roman

Biografie. Köln (Kiepenheuer & Witsch) 2016, 896 S., 29,99 Euro,

ist erschienen (vgl. hier Nr. 1195, 1197). Daniel Kehlmann (Österreich) und Edgar Keret (Israel) sollen ihn schon positiv besprochen haben. So weit bin ich noch nicht. Aber Lothar Müller widmet ihm in der SZ (30.3.16) eine ausführliche Rezension. Darin lässt er fast kein gutes Haar an dem Roman.

Müller sieht in dem Werk eine „über weite Strecken hochtourig leerlaufende Stilübung“. Es stecke ein großer Kraftakt darin, den einmal angeschlagenen Ton bis zum Ende durchzuhalten. „Der Kraftakt gelingt, und deshalb scheitert der Roman. Seine Handlung zusammenzufassen, wäre unsinnig. Denn die Figuren und Ereignisse sind nur dazu da, den Stil zur Geltung zu bringen, in dem das Ganze geschrieben ist.“

Biller ist anscheinend in „Biografie“ wieder der große Provokateur. Als die FAS am 27.3.16 eine ganze Seite aus dem Roman abgedruckt hatte, empfand ich das jedenfalls so. Auch Sex wird reichlich geboten. Eine Schlüsselrolle spielt ein „Wichsvideo“ des Helden

Solomon Karubiner,

der eigentlich eifriger Nutzer der Website „Wefuckonlyjews“ (WFOJ) ist, aber angesichts des voluminösen Hinterteils einer Deutschen Hand an seinen „Dudek“ legt. Etc. Müller schreibt, dass Biller sich in seiner Pointengeilheit sehr an das Sitcom-Format US-amerikanischer Fernsehserien gehalten habe. Das Ganze könne auch 400 Seiten kürzer oder 200 Seuiten länger sein.

Vielleicht müssen wir Biller einfach ein bisschen vor sich selbst schützen. Ich habe schnell nochmals sein „Selbstporträt“ „Der gebrauchte Jude“ gelesen (Köln 2009, 174 S.). Da schreibt er flüssig, direkt, elegant. Es kommt dem Text zugute, dass er auf persönlichen Erfahrungen beruht. Biller schildert dort sein Studium, die Münchener Journalistenschule, seine aus Prag stammende Familie, die Medien „Tempo“, FAZ und „Zeit“ aus seiner Praktikantenperspektive. Das jüdische Milieu in Deutschland mit seinen George Tabori, Hans Sahl, Friedrich Torberg, Marcel Reich-Ranicki, Henryk M. Broder et alii wird uns vor Augen geführt. Auch seine US-amerikanischen jüdischen Bezugspersonen Saul Bellow, Philip Roth, Norman Mailer, Helmut Newton und Woody Allen sind treffend skizziert.

Und sein „einziger Gott“ ist der „Nichtjude Hemingway“ (S. 140).

 

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.