1195: Benjamin von Stuckrad-Barre reizt in „Panikherz“ seinen Kampfhund.

Zum ersten Mal habe ich Benjamin von Stuckrad-Barre erlebt auf dem gemeinsamen 100. Geburtstag seiner Eltern im Hainholzweg in Göttingen. Dort „moderierte“ er das Fest. Und er war dabei schon so schnell, cool und brillant, dass ich merkte, diese Power hätte für andere vernichtend sein können. Benjamin von Stuckrad-Barre hat aber  den Weg der Sucht und Selbstvernichtung gewählt. Das ist literarisch zumindest sehr ertragreich. Und da will er nun wieder heraus.

In seiner „Lebensbeichte“ (Memoir)

Panikherz. Köln (Kiepenheuer & Witsch) 2016, 564 S.,

kommt Göttingen häufig vor. Da werde ich als lokaler Spießer voll angesprochen. Max-Planck-Gymnasium, Café Kadenz, Literaturherbst, Nudelhaus etc. Und die lange Begründung, warum unser Autor nicht zur Feier des 20-jährigen Abiturs kommt, hat viel mit mir zu tun („Das müssen wir unbedingt wiederholen.“ „Ich bin ein totaler Familienmensch.“ „Du hast dich ja echt kaum verändert.“). Aber da, wo Stuckrad-Barre mich davon überzeugen  will, dass ich „Effi Briest“ gar nicht erst ganz lesen soll, stimme ich nicht zu.

Natürlich habe ich auch das verarbeitet, was Andrian Kreye (SZ 10.3.16), Helene Hegemann (Spiegel-Online 12.3.16), Klaus Bittermann (taz 3.3.16), Adam Soboczynski (Die Zeit 10.3.16), Boris Pofalla (FAS 13.3.16) et alii über „Panikherz“ gefragt und geschrieben haben. Das fließt dann mit ein. So weit ich will.

1998 erschien von Benjamin von Stuckrad-Barre „Soloalbum“. Und dann in relativ schneller Folge „Livealbum“, „Remix“, „Blackbox“, „Transskript“, „Deutsches Theater“. Das habe ich gar nicht alles gelesen. Wo aber doch, erwies sich Stuckrad-Barre als scharfer Beobachter und Formulierer.

Der Autor wollte uns aus den Zwängen von 1968 befreien, das für ihn (zu seinem Glück) seine Eltern in ihrem evangelischen Pfarrhaus repräsentierten, auch wenn manchmal „Das weiße Band“ durchschimmerte. Ironie, Posing, Popstar-Allüren kennzeichneten seinen Stil. Stuckrad-Barre erfand einen neuen Ton. In seiner Bedeutung auf einer Höhe mit Christian Krachts „Faserland“ (1995).

Im „Literarischen Quartett“ fand Maxim Biller „Panikherz“ „moralisierend“ und „ekelhaft“. Aber was wollen wir von einem Kritiker anderes erwarten, der in seinen eigenen Texten zwanghaft auf Pointen ausgeht und dabei im eigenen Vorgarten hängen bleibt. Eva Menasse lobte das Buch zu Recht als „herzanrührend“ und „witzig“.

Stuckrad-Barres Begabung blieb Publizisten wie Friedrich Küppersbusch, Harald Schmidt und Helmut Dietl nicht verborgen. Für alle hat unser Autor geschrieben. Und sich dabei anscheinend literarisch mächtig entwickelt. Aber die Zusammenarbeit endete erwartungsgemäß nicht immer in Wohlgefallen. So sagt Stuckrad-Barre 2016: „Am Ende hatte das, was Harald Schmidt machte, nie Herz, und vielleicht ist es auch nicht die Aufgabe des Satirikers, ein Herz zu haben. Aber dadurch bleibt das auch immer nur Kabarett. Künstlerisch größer ist es, sich hinzustellen, das Hemd aufzureißen und wahrhaftig zu sein. Das ist riskanter, das kann schiefgehen, es kann sogar peinlich sein …“ Na ja.

Der Meinungsführer, dem Stuckrad-Barre weiter folgt, ist ausgerechnet Udo Lindenberg. Wer den wie ich überwiegend als Nuschler, Nösler und Verschlammer von Wichtigem erlebt, bekommt da seine Schwierigkeiten mit „Panikherz“. Auch die Hollywood-Passagen, die Stuckrad-Barre über seine Erholung in Los Angeles nach dem Entzug schreibt, packen mich nicht. Bret Easton Ellis soll bekennender Knausgard-Fan sein. Langeweile als Prinzip.

Benjamin von Stuckrad-Barres eigene Geschichte ohne jedes Namedropping hätte für das Buch vollkommen gereicht. „Ich selbst kannte mich einfach zu gut, um mich zu mögen.“ Das kommt von der Sucht. Das Leben zwischen Fressen und Kotzen in die Kloschüssel wird hier authentisch. Und die deprimierendste Eigenschaft der Drogensucht ist bekanntlich, dass sie zu einem wirklich spießigen Leben führt. Die „totale, zwanghafte Regelmäßigkeit, die nichts so fürchtet wie Varianten und Abwechslung.“

Sex und Frauen, von denen ich so gerne lese, kommen in Stuckrad-Barres Buch nicht vor. Das hat Boris Pofalla (FAS 13.3.16) als gentlemanesk bezeichnet. Es kann aber sein, dass der Autor gefürchtet hat, dann so weit an die Wahrheit heranschreiben zu müssen, dass es für ihn unerträglich geworden wäre. „Die Erinnerung ist die einzige Hölle, aus der es kein Entrinnen gibt. Und an sie zu rühren, sie zu betreten, sie mit Gegenwart aufzuladen, heißt, einen Kampfhund zu reizen.“

Allen, die nicht vom ruralen und veganen Leben auf dem Lande träumen, empfehle ich, „Panikherz“ zu lesen.

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