Der 1957 als Sohn ungarischer Juden in München geborene Richard Chaim Schneider war von 2005 bis 2015 ARD-Korrespondent in Tel Aviv. In einem Kommentar in der „Zeit“ (28.1.16) nimmt er bewegt Abschied von seinem Gastland. Da heißt es:
„Ich habe Kolleginnen und Kollegen getroffen, die es völlig in Ordnung fanden, dass in weiten Teilen der palästinensischen Gesellschaft die Rolle der Frau euphemistisch gesagt sehr traditionell ist. Dieselben Journalisten kritisierten aber ohne Umstände die ebenso traditionelle Rolle der Frau im orthodoxen Judentum.
Zweierlei Maß. Unterschiedliche Erwartungen an Palästinenser und Israelis. Man muss sich dessen bewusst sein: dass man im Nahen Osten ideologisch auf wackeligem Grund steht.
Während im Westen vielen die Palästinenser fremd sind, glaubt man, die Israelis seien quasi wie wir. Doch das könnte nicht falscher sein. Und damit ist nicht nur das erwähnte Bedrohungsgefühl gemeint. Religion ist in Israel viel wichtiger als in Deutschland. Sie ist im Laufe der vergangenen Jahrzehnte für die politischen Prozesse der einzigen Demokratie im Nahen Osten immer wichtiger geworden. Auch die im Judentum seit biblischen Zeiten existierende Verquickung von Volk und Religion erweist sich für den Staat als Problem, das im Land selbst heftigst diskutiert wird. Kann Israel zugleich ein ‚jüdischer‘ und ein ‚demokratischer‘ Staat sein? Das Gesetz sagt Ja. Denn de jure sind die rund anderthalb Millionen Palästinenser mit israelischer Staatsangehörigkeit den jüdischen Israelis gleichgestellt. Aber de facto eher nicht – und doch genießen sie in Israel mehr Persönlichkeitsrechte und Freiheiten als in allen arabischen Staaten.“