In zahlreichen Bildungsstudien wurde nachgewiesen, dass der Schulerfolg von Kindern aus türkischen Migrantenfamilien geringer ausfällt als von vergleichbaren deutschen Kindern. Erklärt wird das üblicherweise so, dass Migrantenfamilien über geringere soziale und kulturelle Ressourcen verfügten. Sie investierten weniger in die Bildung ihrer Kinder. Wer wenig Bildung habe, wisse oft auch nicht, was Bildung wert sei.
Nun sind aber die schulischen Leistungen von Kindern vietnamesischer Herkunft deutlich besser als von deutschen Schülern. 2014 gingen 64,4 Prozent der vietnamesischen Jugendlichen aufs Gymnasium, 47,2 Prozent der deutschen und 19,9 Prozent der türkischen. Nach dem Ressourcenmodell ist das nicht einfach zu erklären. Denn die vietnamesischen Eltern verfügen über ein deutlich geringeres bildungsbezogenes Sozialkapital und ein deutlich geringeres Einkommen als die deutschen und türkischen Eltern.
Gerald Wagner berichtet (FAS 24.1.16) über die Untersuchung von Bernhard Nauck und Birger Schnoor, die 2013 in Sachsen und Hamburg deutsche, türkische und vietnamesische Eltern befragt haben. Danach sind die guten Leistungen der Vietnamesen nur schwer zu erklären, eigentlich gar nicht. „Etwa die Sprache: Während in nahezu allen deutschen Familen Deutsch auch die Alltagssprache zwischen Eltern und Kindern ist, gilt dies nur für 26 Prozent der türkischen Familien. Gut, bei den Vietnamesen wird nur in 40 Prozent der Fälle zu Hause Deutsch gesprochen. Dennoch sind die Deutschnoten der vietnamesischen Schüler nicht nur deutlich besser als die der türkischen, sie liegen auch noch deutlich über denen der deutschen! Die vietnamesische Stichprobe zeichnet sich weiter aus durch: die geringsten Deutschkenntnisse der Mütter, das geringste bildungsbezogene Sozialkapital und die geringste institutionelle Förderung der Kinder. Und dennoch die besten Noten.“
In einem Punkt zeigt die Studie deutliche Unterschiede der drei untersuchten Gruppen: im Erziehungsstil. In 57 Prozent der vietnamesischen Familien ist er überwiegend autoritär-distanziert, in sechs (6) Prozent nachsichtig-tolerant (Deutsche 12: 40, Türken 25: 26). Sollte das als Plädoyer für mehr elterliche Strenge und Kontrolle gelesen werden? Offenbar nicht. „Die Autoren stellen vielmehr fest, dass ein autoritärer Erziehungsstil in den türkischen und deutschen Familien zu einem ’signifikant negativen Zusammenhang mit dem Bildungserfolg steht‘ – er verschlechtert die schulischen Leistungen also deutlich. Warum funktioniert es dann aber bei den Vietnamesen? Die Autoren räumen ein, dass sie diese Frage nicht abschließend beantworten können.“