1144: Sport – Fortsetzung des Totalitarismus ?

1. Über Sport in der Welt, der ihm totalitär erscheint, schreibt Robert Redeker, 60 (taz 16./17.1.16). Redeker ist Redaktionsmitglied von „Les Temps Modernes“ (gegründet von Jean-Paul Sartre). Nach einem islamkritischen Beitrag von Redeker im „Figaro“ („Was soll die freie Welt angesichts der islamischen Einschüchterungsversuche tun?“) 2006 wurde der Autor mehrfach mit dem Tode bedroht und musste an geheim gehaltenen Orten in Südfrankreich leben. Ich möchte hier zeigen, dass Redeker viele treffende Argumente vorträgt, sich aber andererseits doch irrt, weil er nicht über einen tragfähigen Totalitarismus-Begriff verfügt. Da schauen wir bei Hannah Arendt nach.

2. Redeker sieht die „erdrückende Invasion der Sportberichte“ in den Medien, hauptsächlich im Fernsehen (es handelt sich also um ein Medienphänomen!). „Diese Überdosis an Sport hat eine zerstörerische Umkehrung der Werte und der Hierarchie der Information zur Folge.“ Das wirklich Wichtige werde vernachlässigt: Philosophie, Malerei, Dichtung, Choreografie, Musik, Architektur. Die Allgegenwart des Sports bedeute eine „tödliche Usurpation“. „Es ist heute bei uns ebenso unmöglich, ihm zu entrinnen, wie dies bei der ideologischen Propaganda im Nazideutschland, in Stalins UdSSR oder im maoistischen China möglich war.“

Der Sport normiere die Sprache mit seinen „stereotypen Vorstellungen eines mechanischen Funktionierens ohne jede Überraschung“. Die Fantasie werde gelähmt. Im Sport herrsche heute Sklavenhandel, das Geld spiele die Hauptrolle. Durch den Sport würde die Zustimmung der Massen für die kapitalistische Gesellschaft bewerkstelligt. Die große Zahl der Fernsehzuschauer signalisiere Massenloyalität. Der marxistische „Entfremdungsbegriff“ reiche hier nicht aus.

„Der allgegenwärtige sportliche Diskurs ist ein soziales und politisches Programm geworden – er ist vorab eine schrankenlose Propaganda für die verallgemeinerte Konkurrenz, für das Gott gewordene Geld.“

3. Ziemlich plausibel. Jedoch nicht wirklich an der Totalitarismus-Theorie geprüft. Diese hat vor allem Hannah Arendt entlang der Begriffe

– Antisemitismus,

– Imperialismus und

– totale Herrschaft

gebildet (Vgl. Elemente und Ursprünge totaler Herschaft, 1951).

Den alle gesellschaftlichen und staatlichen Felder durchdringenden Totalitarismus expliziert sie an den folgenden Begriffen: Untergang der Klassengesellschaft/Massen/das zeitweilige Bündnis zwischen Mob und Elite/totalitäre Propaganda/totale Organisation/Staatsapparat/die Rolle der Geheimpolizei/Konzentrationslager/Ideologie und Terror.

Wir kennen sechs Kennzeichen totaler Herrschaft:

a) eine einheitliche Ideologie,

b) eine Einheitspartei (ggf. mit „Blockparteien“),

c) ein Machtmonopol (also keine Demokratie und keine  rechtsstaatliche Gewaltenteilung),

d) die weitgehende Überwachung der Bevölkerung durch die Geheimpolizei,

e) die politische Verfolgung Andersdenkender (zum Teil mit Terror und bis hin zu Vernichtungslagern) und

f) ein Propaganda- und Medienmonopol.

4. Hannah Arendt schreibt: „Das Wesentliche der totalitären Herrschaft liegt absolut nicht darin, dass sie bestimmte Freiheiten beschneidet oder beseitigt, noch darin, dass sie die Liebe zur Freiheit aus dem menschlichen Herzen ausrottet; sondern einzig darin, dass die Menschen, so wie sie sind, mit solcher Gewalt in das eiserne Band des Terrors schließt, dass der

Raum des Handelns,

und dies allein ist die Wirklichkeit der Freiheit, verschwindet.“ (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus. München, Zürich (Piper) 1986, S. 958)

Dies hat Redeker nicht ausreichend berücksichtigt. Denn der „Raum des Handelns“ ist für die Sport-Konsumenten des Fernsehens noch vorhanden. Er wird vor allem von Bürger-Initiativen, Nicht-Regierungs-Organisationen und der Zivilgesellschaft genutzt. Darauf können wir unsere Hoffnung setzen. In Zeiten der – buchstäblich – weltweiten Vermarktung des Sports. Der hohen Kosten für Fernsehen (vgl. Premier League) und den unmoralischen Preisen für Fußballer (vgl. Gareth Bale), wo Flüchtlingskinder, Jungs, manchmal mit Trikots von Lionel Messi oder Christiano Ronaldo unterwegs sind.

Und das Denken ist auch nicht verboten, was Hannah Arendt in ihrem Buch

Vita Activa. München (Piper) 1981 (1958)

formuliert. Darin erarbeitet sie die Begriffe der Arbeit, des Herstellens, des Handelns und des Denkens. Sie schreibt: „Das Denken … ist möglich und sicher auch wirklich, wo Menschen unter den Bedingungen politischer Freiheit leben. Aber auch nur dort. Denn im Unterschied zu dem, was man sich gemeinhin unter der souveränen Unabhängigkeit der Denker vorstellt, vollzieht sich das Denken keineswegs in einem Wolkenkuckucksheim, und es ist, gerade was politische Bedingungen anlangt, vielleicht so verletzbar wie kaum ein anderes Vermögen.“ (S. 414)

Es ist möglich. In Freiheit. Daran halten wir fest. Den Terror bekämpfen und besiegen wir.

Und deswegen hat Redeker letzlich nicht recht.

 

 

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