1134: Untergang des Abendlands

Thomas Assheuer, 60, ist seit 1997 „Zeit“-Redakteur im Feuilleton. Spezialisiert auf Philosophie und eher komplizierte politische Zusammenhänge. Er hat meistens viel mehr gelesen als die meisten von uns. Aber wer sollte sich auch bemüssigt fühlen, die Texte eines Schützengraben-Romantikers wie Ernst Jünger zu lesen?

In seinem großen Beitrag

„In der Nacht der Götterferne“

analysiert Assheuer („Die Zeit“ 30.12.15) im Zusammenhang folgende fünf Romane: Curzio Malaparte „Die Haut“ 1946, Ernst Jünger „Eumeswil“ 1977, Botho Strauß „Der junge Mann“ 1984, Christian Kracht „Imperium“ 2012 und Michel Houellebecque „Unterwerfung“ (2015) im Angesicht der europäischen Krisen. Und wenn wir bei Autoren wie Jünger und Strauß in der Regel wissen können, was uns bei ihnen erwartet, so ist vielen das bei Kracht und Houellebecque nicht klar. Das besorgt Assheuer.

Die fünf Autoren attackieren die liberale Moderne. Sie zerstöre unsere Seele. Durch das amerikanische Nützlichkeitsdenken und den internationalen Finanzkapitalismus. Die Autoren befördern die Sehnsucht nach der heilen, in der Vergangenheit gut geordneten Welt. Der Liberalismus habe ungefähr 500 Jahre gebraucht, seine Denk- und Wirtschaftsweise der ganzen Welt aufzudrücken. „Literatur ist keine imaginative Quelle von Sinn, sondern Restmüll der Geschichte.“ Während die Alten noch lebendiger Teil einer kosmischen Kultur waren, starrten wir nur noch auf den kosmischen weiblichen Hintern.

Wie Jünger und Strauß auch nehme Houellebecque schmerzfrei Abschied vom Nationalstaat und bringe die alte Reichsidee ins Spiel. Die „Achse des Südens“ sei nichts anderes als jener Traum vom Süden bei Malaparte, der auch von Philosophen wie

Alexandre Kojève und Girogio Agamben

beschworen werde als Antwort auf den kalten protestantischen Norden Europas.

Strauß schreibe unverblümt: „Ich möchte lieber in einem aussterbenden Volk leben als in einem, das aus vorwiegend ökonomisch-demografischen Spekulationen mit fremden Völkern aufgemischt, verjüngt wird, einem vitalen.“ Kracht halte sich politisch zwar bedeckt, seine „Erzählplantagen“ würden aber, wie Georg Diez gezeigt habe, „aus rechtskonservativen Quellgebieten bewässert“. In den Romanen gäbe es keinen Fortschritt mehr, nur Erschöpfung und Entzauberung, nur sinnloses Geld und sinnlose Aufklärung.

„Es ist diese Totalperspektive auf ‚die Zivilisation‘, ‚den Westen‘ und ‚den Liberalismus‘, die die konservative Modernekritik nach innen hellsichtig und nach außen attraktiv macht. Doch der allwissende Blick auf das Große und Ganze hat einen gefährlichen blinden Fleck: Er macht denselben Fehler, den er der Moderne zur Last legt – er ist totalitär, er schleift die Unterschiede und macht alles gleich. In der tief stehenden Sonne, die eine hochfahrende Kulturkritik über den Verhältnissen untergehen lässt, erscheinen bitter erkämpfte Errungenschaften, selbst Demokratrie und Menschenrechte, wie grandiose Irrtümer, wie sinnlose Schattenspiele auf der historischen Bühne.“

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