1125: Schertz: Die gnadenlose Gesellschaft

Christian Schertz, 49, ist einer der renommiertesten Medienrechtler der Bundesrepublik und vertritt häufig „Prominente“ vor Gericht. Stephan Lebert hat ihn für die „Zeit“ (3.12.15) interviewt.

Zeit: Der Wettermoderator

Jörg Kachelmann

durchlitt eine monatelange Dauerberichterstattung über die von ihm angeblich begangene Vergewaltigung – bis er freigesprochen wurde. Jetzt hat er von „Bild“ ein Schmerzensgeld von rund 635 000 Euro erstritten, angeblich das höchste aller Zeiten. Ist das in ihren Augen gerecht?

Schertz: Was heißt gerecht? Die Summe – auch wenn ein Schmerzensgeld unbekannter Höhe vom Burda Verlag noch dazukommt – wird nie aufwiegen, was an Vernichtung stattgefunden hat. Natürlich ist das Schmerzensgeld richtig, da hat der Kollege Ralf Höcker einen guten Job gemacht. Aber Kachelmann bleibt stigmatisiert, er ist ein besonders erschreckendes Beispiel dafür, was Medien bei einem anrichten können, der im Ergebnis als unschuldig zu gelten hat. Wir leben in einer

gnadenlosen Gesellschaft,

es gibt einen regelrechten Vernichtungswillen. Auf Leute, die einen Fehler oder auch nur vermeintlich einen Fehler gemacht haben, wird so lange eingetreten, bis sie nicht mehr aufstehen können. Ich finde die Entwicklung verheerend. Straftäter können resozialisiert werden, Medienopfer oftmals nicht.

Zeit: Ist das schlimmer geworden?

Schertz: Eindeutig, das hat auch mit dem rein wirtschaftlichen Ziel hoher Klickzahlen zu tun. Wir haben das im grotesken Ausmaß bei

Christian Wulff

erlebt, der die Nerven hatte, einen absurden Prozess bis zum Freispruch durchzustehen. Oder bei

Alice Schwarzer.

Ja, da gibt es ein Steuerverfahren, das muss aufgeklärt werden. Aber muss deswegen die ganze Reputation einer Frau mit solch einem Lebenswerk infrage gestellt werden? …

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