1105: Deutschlands Unsicherheit und Souveränität

Jörn Leonhard, geb. 1967, einer der herausragenden jungen Historiker in Deutschland, dessen Buch

„Die Büchse der Pandora – Geschichte des Ersten Weltkriegs“ Müchen (C.H. Beck)

von Fachleuten als das beste Buch über den Ersten Weltkrieg bezeichnet wird, hat sich in der SZ (4.12.15) zu Deutschlands Lage in den großen gegenwärtigen Weltkonflikten geäußert. Speziell zu

„Auslandseinsätzen“.

Er befasst sich mit der deutschen Unsicherheit in diesen Angelegenheiten angesichts der These vom

deutschen Sonderweg nach 1871.

Der deutsche Staat wurde spät gegründet, er war aus dem Krieg entstanden und sein Bürgertum war schwach und traute sich nichts zu. Zugleich, und darauf weist Leonhard ausdrücklich hin, war der autoritäre deutsche Staat 1900 ein Fortschrittsmodell als Rechts-, Verwaltungs- und Sozialstaat, er verfügte über Errungenschaften bürgerlicher Modernität. Außerdem gab es de facto etwa auch in Großbritannien und Frankreich in dieser Zeit Identitätskrisen.

Leonhard bringt sodann drei führende deutsche Historiker ins Spiel, die er, verpflichtet zur journalistischen Kürze, jeweils mit den Anfangssätzen bekannter Werke zitiert:

Thomas Nipperdey: „Am Anfang war Napoleon.“,

Hans-Ulrich Wehler: „Am Anfang war keine Revolution.“,

Heinrich-August Winkler: „Am Anfang war das Reich.“.

Er kommt dann auf den angesichts dieser Diskurse – für manche plausiblen – deutschen Souveränitätsverzicht zu sprechen. Und darauf, dass mit dem Untergang der Habsburger Monarchie, des Osmanischen Reichs und der Sowjetunion Zerfallszonen der ehemaligen Imperien entstanden seien, die zu Schlachtfeldern neuer Kriege in Jugoslawien, der Ukraine und im Nahen Osten wurden. Eine verfahrene Lage. Unübersichtlich. Ergänzt durch prosperierende Regionalismen etwa in Schottland oder Katalonien. Eine Gefahr für Europa.

Insofern versteht Leonhard den vielfach zu beobachtenden Rückzug auf den Nationalstaat, den wir doch überwiegend überwunden glaubten. Etwa bei den Spareinlagen oder, aktuell, bei der Sicherung der Grenzen.

Ergänzung W.S.: Was Auslandseinsätze (Kriegseinsätze) angeht, so versteht jeder, dass sie nur dann gerechtfertigt sind, wenn sie ein klares, eng definiertes Ziel verfolgen. Wenn dagegen, wie in Syrien, die Einsatzkräfte sogar gegensätzliche Ziele (Stabilisierung des Assad-Regimes versus Beseitigung desselben) verfolgen, ist ein Kriegseinsatz dort nicht zu rechtfertigen. Für niemanden.

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.