1079: „Gegenöffentlichkeit“ – nicht immer emanzipatorisch

Während wissenschaftliche Theorien und Hypothesen dadurch gekennzeichnet sind, dass sie widerlegt werden können, haben

Verschwörungstheorien

die Eigenschaft, unabhängig von jeglicher empirischen Stichhaltigkeit zu existieren. Das gilt gerade für Behauptung von der

jüdischen, von der Wallstreet gesteuerten Weltherrschaft,

die uns in Deutschland etwa in der Form der

„Lügenpresse“

begegnet. Hier stimmen AfD, Pegida und Kommunisten überein.

Das führt Markus Linden (SZ 7.11.15) zu der Auffassung: „Im Zeitalter der internetbasierten Kommunikation verliert der Begriff der ‚Gegenöffentlichkeit‘ damit seine prinzipiell emanzipatorische Konnotation.“ Im Netz kann sich der User seine Freunde aussuchen. Es befördert eine Individualisierung, bei der sich der Netzaktivist in geschlossenen Gesinnungsgemeinschaften bewegen kann. So entstehen in negativer Abgrenzung politische Parallelwelten in der Form der Selbstbestätigung von Gleichgesinnten. Etwa bei den „Friedensmahnwachen“.  Gegner sind dann „die“ Politiker, „die“ Medien, „das“ System (in anderem Zusammenhang wurde die Weimarer Republik als „Systemzeit“ bezeichnet).  Eine letztlich tatsächlich unpolitische Verschwörungstheorie, die Extremisten begünstigt.

Die Schriften, in denen die emanzipatorische Kraft der „Gegenöffentlichkeit“ gesehen wurde und die meine Generation stark beeinflusst haben, sind doch

Bertolt Brechts „Radiotheorie“ (1932),

Walter Benjamins „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ (1936),

Jürgen Habermas „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962) und

Hans Magnus Enzensbergers „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ (1970).

Sie können heute nur noch eine begrenzte Plausibilität entfalten.

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