1069: Zwei Unternehmenskulturen und die Verwirrung beim DFB

Der Organisationssoziologe Stefan Kühl, 49, Professor an der Universität Bielefeld, erklärt uns die Korruptionslage im nationalen und internationalen Fußball. Dort habe sich nie das von Max Weber beschriebene Prinzip staatlicher Bürokratie durchsetzen können,

die Trennung von Amt und Person.

Und hier läge der Unterschied zu VW mit seinem Abgas-Skandal und Siemens mit seiner Korruptions-Affäre. „Bei den Vorfällen bei VW und Siemens handelt es sich um die für alle Organisationen recht typischen Abweichungen von der Formalstruktur, die nicht der persönlichen Bereicherung der Mitglieder dieser Organisation, sondern der flexiblen Anpassung dieser Organisation an komplizierte Umfeldbedingungen dienen.“

Das im Fußball geltende Prinzip sähe auch die persönliche Bereicherung vor. Wie in Zentralafrika oder der indischen Verwaltung. Dabei komme es zu – in der Regel – zeitversetzten „Austauschen“. In

Südamerika nenne man das „Confianza“,

in China „Guanxi“,

in Russland „Blat“

und bei der Fifa das „System Blatter“.

Bei der Zusammenarbeit mit Organisationen, die diesem Tauschprinzip folgten, sei es schwierig, die „Übersetzung“ hinzubekommen. Einerseits die eigenen rigiden Standards einzuhalten. Und andererseits den Partner zu erreichen.

„Bei der notwendigen Übersetzungsleistung im Kontakt zwischen typischen, auf Systemvertrauen basierenden Organisationen in Frankfurt, New York und London und den vorrangig auf Personenvertrauen basierenden Organisationen in Brazzaville, Delhi und Zürich müssen die westlichen Organisationen ihr Nicht-Wissen professionell managen. Man muss wissen, welche Angelegenheiten nicht in die Akten gehören, welche Aspekte man möglichst nicht genau evaluieren sollte und was nicht ohne Weiteres zu rekonstruieren sein sollte. Insofern ist die momentane Verwirrung beim DFB nicht überraschend, sondern Ergebnis des weitgehenden Verzichts auf die sonst üblichen Prinzipien der Aktenführung.“ (SZ 27.10.15)

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