Zeit seines Lebens litt Thomas Harlan daran, der Sohn des hoch-befähigten Nazi-Filmregisseurs Veit Harlan zu sein. Dieser sah seine Schuld bis zu seinem Tod 1964 nicht ein, hatte aber vorher einige überaus beeindruckende Filme gedreht, wenn auch die meisten davon Nazi-Propaganda waren:
1937 Der Herrscher,
1938 Jugend,
1939 Das unsterbliche Herz,
1940 Jud Süß,
1942 Der große König,
1943 Immensee,
1944 Opfergang,
1945 Kolberg.
Thomas Harlan arbeitete für Theater und Film und war offensichtlich auf „Wiedergutmachung“ aus. Mit Klaus Kinski hatte er auf einer Israel-Reise sein Gewissen geschärft. 1958 in Berlin inszenierte er ein Stück über das Warschauer Ghetto. Danach trat er vor sein Publikum und benannte Männer, die vor 1945 NS-Verbrechen begangen hatten wie die beiden FDP-Politiker Ernst Achenbach und Franz Alfred Six. Daraufhin brach ein Sturm der Entrüstung los. Und Thomas Harlan floh nach Polen. Von dort wandte er sich brieflich an Fritz Bauer, den hessischen Generalstaatsanwalt, um Verständnis.
So kam es zum sechs Jahre langen Briefwechsel zwischen diesen beiden Außenseitern.
Werner Renz (Hrsg.): „Von Gott und der Welt verlassen“. Fritz Bauers Briefe an Thomas Harlan. Campus Verlag 2015, 299 S.; 29,90 Euro.
Fritz Bauer fand Harlans Bemühen, Nazi-Verbrecher vor Gericht zu bringen, naiv. „Du bist doch Dichter und nicht Faktensammler.“ „Verstehe, dass ich gegen viele Seiten kämpfen darf. Ich stehe doch praktisch in einem luftleeren Raum.“ „Thomas, mein Freund, es hat doch keinen Sinn, dass wir uns gegenseitig kritisieren. Wir beide dürfen doch unseren allerbesten Freundeswillen keinen Augenblick in Zweifel ziehen. Wo in aller Welt käme ich hin, wenn ich fürchten müsste, dass du meine Wort nicht im Sinne der völligen Verbundenheit interpretieren würdest. Ich bin von Gott und der Welt verlassen genug.“ (Ronen Steinke, SZ 20.10.15)
Die beiden Freunde konnten sich in der westdeutschen Gesellschaft nicht durchsetzen. Aber Fritz Bauers Briefe zeigen ihr unermüdliches Bemühen. Das berührt.