1036: Jörg Baberowski über Gewalt

Jörg Baberowski ist seit 2002 Professor für osteuropäische Geschichte an der Humboldt-Universität in Berlin. Studiert hat er u.a. von 1982 bis 1988 an der Georgia Augusta in Göttingen wohl hauptsächlich bei Manfred Hildermeier. In seiner Jugend war er beim KBW. Auch wenn ich die Bedeutung der K-Gruppen nicht überbetonen möchte, so kommt es mir schlüssig vor, dass ihre ehemaligen Mitglieder sich mit dem

Stalinismus

auseinandersetzen. Das ist bei Jörg Baberowski der Fall. Seine Habilitation 2000 hatte „Stalinismus im Kaukasus“ zum Thema. Baberowski hat das Thema weiter verfolgt. 2012 legte er „Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt“ vor, in dem er den Fokus zunehmend auf die

Gewalt

legte. In dieser Woche erscheint

„Räume der Gewalt“. S. Fischer, 272 S., 19,99 Euro.

Für die FAS (20.9.15) hat Simon Strauß Baberowski zur Flüchtlingswelle und zur Gewalt interviewt.

FAS: Wer entscheidet in Deutschland, dem „Reich der Tugendwächter“, wie Sie es nennen, über den Wortgebrauch? Wer verbietet die freie Meinungsäußerung? Ihre Ansichten über die Flüchtlingskrise haben Sie ja beispielsweise Anfang letzter Woche sehr prominent auf der ersten Seite des FAZ-Feuilletons frei äußern können (vgl. hier Nr. 1029)?

Baberowski: Es gibt keine Instanz, die den Wortgebrauch festlegt, aber es gibt eine Atmosphäre, in der jene, die das wollen, anderen vorschreiben können, wie sie zu reden haben. Und zwar jene, die die Hoheit über die Kommunikation im politischen Raum haben. Sie können in Deutschland nur noch in einer verordneten Sprache sprechen, wenn Sie sich nicht selbst vom Gespräch ausschließen wollen. Ohne die Freiheit der Sprache kann manches aber überhaupt nicht mehr diskutiert werden, weil nur noch zählt, wer spricht und wie gesprochen wird, aber nicht mehr gelten soll, was jemand sagt. Es gilt inzwischen schon als ungewöhnlich, dass ein Aufruf zur Besonnenheit im Feuilleton der FAZ erscheinen darf.

FAS: Sie antworten auf die Frage, wie es dazu kommt, dass Gewalt ausgeübt wird mit dem Hinweis: Nicht Ideologie, nicht soziale Motive erklären sie, sondern die aktuelle Situation, in der sich der Täter befindet. Verkennt ein solcher Ansatz nicht das gewalttätige Potential von Ideen und Milieus?

Baberowski: Ich glaube, dass Ideen überhaupt keine Handlungspotentiale haben. Mit Ideen kann man Gewalt rechtfertigen, aber die Tat als solche wird ja nicht von den Vorstellungen, die man von der Welt hat, motiviert, sondern durch Aggressionen, durch Befehle, die jemand bekommen hat, durch die Tatsache, dass man Gewaltopfer ist und sich wehren muss. Das sind die Situationen, in denen Gewalt Bedeutung gewinnt. Ideologische Motive sind in diesem Zusammenhang belanglos.

FAS: Gewalt als Möglichkeit, sich anderen gegenüber zu behaupten, kommt in unserem deutschen „postheroischen Weltempfinden“ nicht mehr vor, wie Sie schreiben: „Nicht einmal der Verteidigungsminister weiß, was man mit den Waffen, die er in Krisengebiete schaffen lässt, anrichten kann“. Hat das auch negative Seiten, dass wir Gewalt nur noch als Normenverstoß wahrnehmen?

Baberowski: Ja, ich glaube, dass uns das tatsächlich irgendwann auf die Füße fallen kann. Ich frage mich, wie unsere Gesellschaft mit einer existenziellen Krise umgehen würde, wenn man gar nicht weiß, wie Gewalt funktioniert. Stattdessen wundern sich Menschen darüber, dass Soldaten, die in Afghanistan eingesetzt werden, nicht nur Kindergärten bauen, sondern manchmal auch schießen müssen. Wir leben nicht mehr in einer Gesellschaft von Helden. Das hat viele Vorteile. Aber wir sind dadurch zu Gewaltverleugnern geworden, die auf den Ernstfall nicht vorbereitet sind. … Es gibt zur dichten Beschreibung von Gewalt keine Alternative, wenn man begreifen will, was sie mit den Menschen macht und was Menschen mit ihr machen. Niemand muss ein Buch über Gewalt lesen. Aber wer es tut, muss in Kauf nehmen, dass ihm schlecht wird.

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