1019: Wilhelm Raabe – ein unterschätzter Autor ohne „Code“

Wilhelm Raabe (1831-1910) haben wir in der Schule gelesen. Ohnehin waren wohl der Englisch- und der Deutschunterricht nicht so schlecht. Ich hatte jedenfalls Lust dazu. So lernte ich „Else von der Tanne“ (1865) kennen, „Das Odfeld“ (1888) und „Stopfkuchen“ (1891). Wir lasen Raabe schon nicht mehr als Idylliker, sondern als Gesellschaftskritiker. Aber einige Klassenkameraden, die mehr in Richtung Mathematik und Maschinenbau tendierten, machten seinerzeit hämische Bemerkungen. So erklärt es sich wohl zum Teil, dass Raabe heute ein fast vergessener Autor ist. Auch im Weserbergland, wo der Dichter zeitweilig gelebt hat und wo einige seiner Erzählungen spielen. Ebenso in Göttingen, wo die Georg-August-Universität Raabe 1901 die Ehrendoktorwürde verliehen hat.

Dabei hat Raabe 68 Romane, Erzählungen und Novellen geschrieben. Er war Berufsschriftsteller und musste von seinen Honoraren leben. Das zeigt Werner Fulds

Wilhelm Raabe. Eine Biographie. München 2006, 382 Seiten,

eindrücklich. In einer biografischen Skizze hat Raabe 1906 über sich Auskunft gegeben. Er setzte sich auseinader mit dem Alten und dem Neuen, mit der Industriegesellschaft, mit der Umweltzerstörung. 1864 erschien sein ökologischer Roman „Pfisters Mühle“. Aus erzählerischer Distanz sah Raabe die Entwicklung seiner Zeit skeptisch, bisweilen pessimistisch. Und er erfasste dabei manche gesellschaftliche Misere sehr genau. 1931 wurde ihm zu Ehren in Berlin-Mitte die Spreestraße in „Sperlingsgasse“ umbenannt. In Anknüpfung an Raabes erstes Erfolgsbuch

Die Chronik der Sperlingsgasse, 1856.

Es folgten so bekannte und manchmal viel gelesene Werke wie

Unseres Herrgotts Kanzlei 1862,

Der Hungerpastor 1864,

Abu Telfan 1867,

Der Schüdderump 1870,

Das Odfeld 1888,

Stopfkuchen 1891 und

Altershausen 1901 (1911).

Davon habe ich bei weitem nicht alle gelesen. Der Erfolgsroman „Der Hungerpastor“ (1864) ist antisemitisch wie Gustav Freytags „Soll und Haben“. Der unsympathische Gegenspieler des Helden Hans ist intrigant, ökonomisch und sexuell erfolgreich. Und Jude. Marcel Reich-Ranicki hat Wilhelm Raabe nie gewürdigt.

Nun hat Moritz Baßler, der in Münster neuere deutsche Literatur lehrt, den in Vergessenheit geratenen Schriftsteller für uns in die Gegenwart geholt (FAZ 15.8.15). Er widmet ihm eine emphatische Besprechung, in der er zeigt, dass Raabe nicht in inniger Zurückgebliebenheit hängenbleibt, sondern den Gegensatz zwischen Weltläufigkeit und Heimatverbundenheit thematisiert. In Zeiten der Öko-Wende sehr aktuell. Raabe setzt sich mit der philiströsen Selbstgerechtigkeit auseinander. Vielleicht können auch erst wir Gegenwärtigen diese Lesart bevorzugen. Raabe kritisiert die Entfremdung in der ansonsten von nationalistischer Propaganda gerühmten „Gründerzeit“ nach 1870.

Wunderliche Wendungen wie „nicht totzukriegen“ oder „im Zusammenhang der Dinge“ stammen von Raabe. Nach Baßler hat Thomas Mann hier von ihm gelernt. Bei der Raabe-Lektüre wird ebenso seine Nachbarschaft zu Theodor Fontane deutlich. Der Dichter, der nach Stationen in Berlin, Wolfenbüttel und Stuttgart ab 1870 in Braunschweig lebte, sah weder in der Religion noch in der Liebe, der Kunst, dem Vaterland oder der Familie die Rettung. Moritz Baßler findet das ausgerechnet in John Lennons Motto „Nothing to kill or die for/and no religion, too.“ ausgedrückt. Raabe folgte keiner Erlösungsideologie. Seine Helden müssen sich durchwurschteln.

„Untertitel wie ‚eine See- und Mordgeschichte‘ (‚Stopfkuchen‘, 1891) führen bewusst in die Irre, so wie der aussortierte, schrullige alte Klosterschullehrer Magister Buchius in ‚Das Odfeld‘ (1888) seine unwahrscheinliche Kleingruppe um eine Schlacht des Siebenjährigen Krieges herum im Kreis führt. Und dennoch wird man in der deutschen Literatur ein Buch, das in ähnlicher Weise Bildung, Geschichte, Humanität und Tod zu einem historischen Roman verdichtet, vergeblich suchen.“

Raabe zieht aus dem Fehlen eines verlässlichen Sinncodes eine radikale Konsequenz: Uns bleibt nur das „Muddling through“.

 

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