Als ich Jonathan Franzens Romane „Korrekturen“ (2001) und „Freiheit“ (2010) gelesen hatte, war ich schlicht begeistert und fand mich in meiner Vorliebe für anglo-amerikanische Schriftsteller bestätigt (Saul Bellow, John Updike, Philip Roth, David Lodge). Manche halten Franzen für den besten US-amerikanischen Autor, andere beklagen seinen Kulturpessimismus und seinen Konservatismus und werfen ihm seine Rückwärtsgewandtheit vor. Das wird wohl durch seinen neuen Roman
„Unschuld“ (der im Original „Purity“ heißt). Rowohlt, 832 S.; 26,95 Euro,
nicht anders werden (Wieland Freund, Literarische Welt 29.8.15/ Felicitas von Lovenberg, FAZ 29.8.15/ Sandra Kegel, FAZ 29.8.15/ Julia Encke, FAS 30.8.15). Franzen selbst sagt im Interview mit Wieland Freund: „Ich bin das Gegenteil von Philip Roth – eine Figur, die wie ich klingt, finde ich langweilig und peinlich.“
In „Unschuld“ spielt Deutschland (für den Deutschland-Kenner Franzen nicht unerwartet) eine Hauptrolle, insbesondere die DDR und was ihr folgte. Andreas Wolf ist mit Markus Wolf, dem Geheimdienstchef der DDR, verwandt und lebt als prominenter Whistleblower lange nach dem Fall der Mauer in Südamerika, um vor den westlichen Geheimdiensten sicher zu sein. Sein Gegenspieler ist der Journalist Tom Aberant. „Unschuld“ reicht von den achtzigern bis in die Gegenwart. Darin wird der „waghalsige Zusammenhang“ (Sandra Kegel) zwischen
der DDR und dem Internet
entwickelt. Beide gelten Franzen als totalitär. Denn auch mit dem System der DDR hätte man nicht wirklich in Beziehung treten können. Die konkurrierenden Plattformen des Internets vereine der Ehrgeiz, jeden Aspekt unserer Existenz zu definieren.
Andreas Wolf sagt: „Das Ziel des Internets und der mit ihm verbundenen Technologien war es, die Menschheit von Aufgaben – etwas zu tun, etwas zu lernen, sich an etwas zu erinnern -, die dem Leben zuvor einen Sinn gegeben und es folglich ausgemacht hatten, zu ‚befreien‘. Es war, als bestünde die einzige Aufgabe, die noch einen Sinn hatte, in der Suchmaschinenoptimierung.“
Whistleblower wie Assange und Snowden und die von ihnen ermöglichte
Transparenz
sieht Franzen durchaus kritisch: „Ein schönes Wort, wenn man neunzehn ist und keine Ahnung hat, wie die erwachsenen Welten der Diplomatie, der Gesetzgebung, des Handels und intimer Beziehungen wirklich funktionieren.“ Und er sorgt sich um den
guten alten Journalismus.
„Die Besitzer der Plattformen – Facebook, Twitter, Google und so weiter – werden reich, während die, die die Inhalte zur Verfügung stellen, kaum oder gar kein Geld verdienen. Das Beispiel Journalismus ist besonders bedeutend, weil die Demokratie auf ihn angewiesen ist und weil sich Profis nicht durch Amateure ersetzen lassen. Julian Assange fehlten alle Möglichkeiten, Sinn zu machen aus dem, was er geleakt hat. Er brauchte die ‚New York Times‘, er brauchte den ‚Guardian‘.“
Über Dissidenten sagt Franzen, sie seien großartig. Aber es brauche einen gewissen Narzissmus, um einer zu sein. Man müsse schon ziemlich viel von sich halten. Das Internet ist für ihn so ziemlich das größte Instrument zur Förderung des Narzissmus. „Die Idee, dass man sich dort einen sicheren Ort schaffen kann – … – ist zumindest höchst fragwürdig. Ich rede hier von einer modernen politischen Idee von Unschuld. Im Internet wird alles überwacht. Man darf nicht mal mehr von männlich und weiblich reden, sondern es gibt sechs verschiedene Geschlechterkategorien.“
„Unschuld“ ist für Sandra Kegel trotz aller essayistischen Exkursionen kein Thesenroman geworden, sondern eine in Raum und Zeit groß angelegte Erzählung, die von Vögeln und Landschaften ebenso berichtet, wie sie Einblicke in eine amerikanische Eliteuniversität der siebziger Jahre oder die Machenschaften eines agrarwissenschaftlichen Megakonzern à la Monsanto gewährt.
Julia Encke bleibt skeptisch gegenüber Franzen. Sähe man sich die Sätze, die auf den ersten Blick nach etwas Größerem klängen, wie die von der Analogie von Internet und DDR, länger an, erschienen sie einem als ziemlich hohle und effektheischende Phrasen. „Franzen war es offensichtlich ein ganz besonderes Anliegen, die Figur des Whistleblowers als größten Zyniker von allen zu skizzieren. Diese durchaus patriotische Pointe von ‚Unschuld‘ dürfte ihm bei Mitarbeitern von NSA und CIA zusätzlich viele neue Fans bescheren.“