955: Reemtsma-Nachfolge im Institut für Sozialforschung

Jan Philipp Reemtsma hat das von ihm 1984 gegründete Hamburger Institut für Sozialforschung von 1990 bis 2015 als Vorstandsvorsitzender geleitet. Sein Nachfolger ist mein Göttinger Kollege Wolfgang Knöbl, der in unserer Fakultät seit 2002 international vergleichende Sozialwissenschaften betrieb. Die Beiden werden in der SZ (2.6.15) von Jens Bisky interviewt.

SZ: Wenn man dem allgemeinen Gerede lauscht, hört man seit spätestens einem Jahr, seitdem zum IS-Terror, zur Euro- und Finanzkrise noch der Krieg in der Ukraine hinzugekommen ist, immer häufiger die Auskunft: Ich verstehe die Welt nicht mehr. Geht es Ihnen ähnlich?

Knöbl: Seit 1989, seit dem, was wir „Globalisierung“ nennen, tun sich die Sozialwissenschaften schwer. Meine Disziplin, die Soziologie, hat derzeit auch deswegen große Schwierigkeiten, weil sie es versäumt hat, sich mit historischen Aspekten der Wirklichkeit auch unter vergleichenden Gesichtspunkten auseinanderzusetzen. Man kann natürlich immer aus der Distanz über die Ukraine oder Syrien forschen, aber die guten Arbeiten zeichnen sich durch Orts- und Sprachkenntnisse aus.

SZ: Die alte Nachbarschaft von Soziologie und Kulturkritik wollen Sie also beenden?

Knöbl: Ich bin sehr für Trennung von Tatsachen und normativen Fragen. Allerdings glaube ich, dass sich die Soziologie, weil diese Trennung nie ganz durchzuhalten ist, an einem bestimmten Punkt auch normativen Fragen stellen muss. Dann muss sie sich aber mit der Philosophie und anderen Disziplinen ins Benehmen setzen, um ihre Urteile abzusichern. Es hat niemand einen privilegiuerten Zugang zu normativen Standpunkten.

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