925: Lisa Ortgies: Für praktischen Feminismus

Lisa Ortgies ist Moderatin der WDR-Sendung „Frau TV“. 2008 war sie kurz „Emma“-Chefredakteurin, vorher Kolumnistin des Blattes. Sie hat jahrzehntelange Erfahrungen mit dem deutschen Feminismus. Nora Gantenbrink und Sylvia Margret Steinitz haben sie für den „Stern“ (9.4.15) interviewt.

Stern: Was war der größte Fehler des 80er-Jahre-Feminismus?

Ortgies: Ich glaube, die Einstellung: Wir bekommen alles alleine hin. Machen eigene Kitas auf, brauchen niemanden. Das war falsch. Es hat die Politik außen vor gelassen und die Männer.  Man braucht beide. Die gesamte Gesellschaft. Denn nur so entsteht das Gefühl: Es geht uns alle an. Und nur so schafft man auch das Bewusstsein, dass Erziehung nicht nur Frauensache ist.

Stern: Die Komikerin Carolin Kebekus antwortete neulich in einem „Stern“-Gespräch auf die Frage, ob sie eine Feministin sei: „Das klingt so ungebumst.“ Hat der Feminismus ein Imageproblem?

Ortgies: Natürlich. Schon lange. An dem Begriff Feminismus reiben sich einfach viele auf, um Inhalte geht es eher selten. Und leider hält sich hartnäckig das Vorurteil, es würde hier nur um Frauen gehen.

Stern: Was halten Sie von der Diskusssion um gendergerechte Sprache? Etwa vom Binnen-I? Also „LehrerInnen“ statt „Lehrerinnen und Lehrer“?

Ortgies: Gar nichts. Aber das ist auch überhaupt nicht meine Baustelle. Ich finde, es hat Sinn bei Berufsbezeichnungen das „in“ anzuhängen. Also Pilot und Pilotin. Alles andere sollen andere diskutieren, ich persönlich halte das nicht für relevant. Damit lenkt man nur von größeren Problemen ab.

Stern: Was hätten Männer von einem gesamtgesellschaftlichen Feminismus?

Ortgies: Entlastung. Es ist doch auch gut für sie, wenn man Dinge aufteilt. Und ich möchte nicht als reaktionär bezeichnet werden, weil ich mich frage, wie es Kindern geht, die ihre Eltern nie sehen, weil beide Karriere machen. Und ich finde, dass Eltern anfangen sollten zu hinterfragen: Muss ich hier wirklich zwölf Stunden sitzen? Muss ich wirklich nach Feierabend mobil erreichbar sein? Ist der Preis, den ich für diese Selbstoptimierung bezahle, nicht viel zu hoch? Warum passe ich mich immer dem System an und nicht auch mal das System meinen Bedürfnissen?

Stern: Fördert unser Wirtschaftssystem die Vernachlässigung von Kindern?

Ortgies: Neoliberalismus fördert vor allem die Selbstausbeutung. Denn selbst wenn beide Elternteile arbeiten und zwei Kinder in der Betreuung haben – dieses System funktioniert nur, solange nichts passiert. Keine Krankheiten, keine Schulprobleme. Sonst kracht das ganze Gerüst zusammen. Und dann haben sie Stress, und auch daran zerbrechen oft Beziehungen.

Stern: Was muss sich schnell ändern?

Ortgies: Dass mehr Frauen, die eben nicht aus privilegiertem Hause kommen und viel Geld haben, eine größere Aufmerksamkeit genießen. Alleinerziehende Mütter zum Beispiel. Das ist so eine riesige Gruppe, und sie besitzt überhaupt keine Lobby. Eine Revolution der Alleinerziehenden, das wäre was. Von der Masse her würden sie es schaffen. Es sind 1,6 Millionen.

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