895: Lob für Götz Aly

Der Faschismus-Forscher Götz Aly, der Meister des Konkreten, der keine verschleiernden Strukturen und Funktionen benötigt, hat einen neuen Aufsatzband vorgelegt.

Götz Aly: Volk ohne Mitte. Die Deutschen zwischen Freiheitsangst und Kollektivismus. Frankfurt am Main (S. Fischer) 2015, 272 S., 21.99 Euro.

Sein Band wird gelobt von Per Leo, der 2014

Flut und Boden, Roman einer Familie. Stuttgart (Klett-Cotta)

vorgelegt hat, in dem er sich mit seinem Nazi-Opa Friedrich auseinandersetzt. Leo ist nicht unkritisch, aber weithin lobt er Götz Aly (SZ 9.4.15). Er schreibt:

„Dieser Forscher hat nichts gewählt, vielmehr ist er von seiner Sache ergriffen worden, mit einer Wucht, die unter deutschen Historikern ohne Beispiel ist. Lässt man Revue passieren, mit welchem Spürsinn, mit welcher Hartnäckigkeit und ja, auch mit welcher Wut Aly sich der Aufklärung nationalsozialistischer Staatsverbrechen verschrieben hat, dann liest sich das nicht wie eine Bilanz, sondern wie das Protokoll einer Obsession.

Eifrig wie ein Missionar und zudringlich wie ein Privatdetektiv muss Aly dem Archivar und der Leitung der Max-Planck-Gesellschaft vorgekommen sein, als er 1984 nachwies, dass die von der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft übernommene Hirnschnittsammlung von Opfern der Euthanasiemorde herrührte. Fünf weitere Jahre brauchte es, bis daraus die einzig mögliche Konsequenz gezogen wurde und die sterblichen Überreste der Ermordeten nicht, wie zunächst geplant, stillschweigend ‚vernichtet‘, sondern ordentlich bestattet wurden. Die Gedenktafel benennt weder die Täter noch die Opfer noch die Umstände ihres Todes, nur vom ‚Missbrauch durch die Medizin‘ ist die Rede.

Es waren unsere Institute, in denen an ausgeweideten Euthanasieleichen anatomisches Wissen vermittelt wurde; es waren unsere Doktorväter, die ihre raumpolitische Wissenschaft zu einer neutralen ‚Volksgeschichte‘ umdeuteten, bevor wir ihre Arbeit fortsetzten und Sozialgeschichte betrieben; und es sind unsere Wohnzimmer, unsere Kleiderschränke, unsere Vitrinen, in denen nach wie vor Gemälde hängen, Nerze liegen und Kristallgläser stehen, die Juden aus ganz Europa vor ihrer Ermordung geraubt wurden.“

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