889: „Fänger im Roggen“ immer noch relevant

Von dem 2010 im Alter von 91 Jahren gestorbenen J.D. Salinger sind drei Kurzgeschichten erschienen. Eike Schönfeld hat sie übersetzt.

„Die jungen Leute. Drei Stories.“ München (Piper) 2015, 80 S.; 14.99 Euro.

Schönfeld war es ja auch, der 2003 den weltberühmten

„Fänger im Roggen“,

der 1951 erschienen war, erstmals kongenial ins Deutsche übersetzt hatte. Dieses Buch ist heute noch lesenswert und politisch relevant. Es zeigt die infantilen Perspektiven, mit denen

Holden Caulfield

der Welt der Erwachsenen gegenübertritt, um ihre Verlogenheit zu entlarven. Salinger war der US-amerikanische Autor, „der Zärtlichkeit und Revolte in Person war“. Seine Schreibweise ist gekennzeichnet durch pointierte Dialoge, in denen die Figuren alles über sich verraten, ohne es zu wollen. Bei Hemingway hat das ein kluger Kritiker einmal als den psychoanalytischen Stil bezeichnet, bei dem nur das, was den Protagonisten zu Bewusstsein kommt, geschildert wird, zugleich aber das erkennbar ist, was im unterirdischen Gebirge des Unbewussten wirkt. Salinger ist ein Meister darin.

Das der Champion sich nach seinem Welterfolg allmählich zurückzog und zuletzt 1965 publizierte, dass er sich in die 16-jährige Oona O‘ Neill verliebt hatte, die Tochter des Literatur-Nobelpreisträgers Eugene O‘ Neill, die dann Charlie Chaplin heiratete, dass er als US-amerikanischer Soldat im Zweiten Weltkrieg anscheinend schwer traumatisiert wurde, sind Nebenlinien, die der Person Salingers die bekannte mystische Aura verleihen. In einem verkappten Selbstporträt des Schriftstellers steht der Satz: „Was ist das, die Hölle? Ich behaupte, es ist die Qual, der Liebe unfähig zu sein.“ (Lars Weisbrod, Zeit Literatur März 2015; Willi Winkler, SZ 11./12.4.15)

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