Moshe Zuckermann ist Professor für Geschichte und Philosophie in Tel Aviv. Von ihm sind schon viele Bücher ins Deutsche übersetzt worden. Insofern ist er ein bekannter Kritiker Israels. Nun analysiert er die Lage nach Bibi Netanjahus Aufforderung an die europäischen Juden nach den Anschlägen in Paris und Kopenhagen, nach Israel auszuwandern (taz 21./22.2.15).
„Israel ist in seiner Existenz durch keines seiner Nachbarländer bedroht, auch nicht durch den Iran und schon gar nicht durch die Palästinenser. Jedes Land der Region, das Israel in seiner Existenz zu bedrohen trachtete, würde (aus bekannten Gründen) unweigerlich seinen eigenen Untergang mit festschreiben.
Darum geht es aber nicht. Es geht um die Fähigkeit, mittel- und langfristig ein Leben zu gewährleisten, dass man als ein zivilgesellschaftlich akzeptables Leben ohne Angst, Misstrauen und ewigen Hass aufs geopolitische Umfeld, ohne Rassismus, keimenden Faschismus und entsprechend ’notwendigen‘ Militarismus ansehen könnte. In der gegenwärtigen historischen Phase erweist sich dies als ein Ding der Unmöglichkeit. Israel strebt den für eine solche Lebensrealität unabdingbaren Frieden nicht an, weil es diesen Frieden nicht will. …
Israel hat den Antisemitismus nie bekämpft, auch nie bekämpfen wollen, sondern vielmehr zum Argument erhoben, ja war nachgerade schon immer daran interessiert, dass es ihn gebe, um eben mit dem Angebot der historischen Alternative für die Juden, den Zionismus aufwarten zu können. …
Die Möglichkeit, das Sicherheitsproblem mit einem realen Frieden zu lösen, ist von der israelischen Politik nie ernsthaft erwogen worden. Der Einzige, Jitzchak Rabin, der diesen historischen Weg möglicherweise hatte beschreiten wollen, ist nicht von ungefähr umgebracht worden. …
Denn nicht nur lässt sich fragen, warum Juden in der Welt nach Israel auswandern sollen, wo doch Israel nach eigenem Bekunden stets in seiner eigenen Existenz bedroht ist; zu reflektieren wäre auch, wie es um den Kausalzusammenhang bestellt ist zwischen dem in der Welt grassierenden Antisemitismus und der von Israel praktizierten völkerrechtswidrigen Okkupationspolitik, die ihrerseits gar nicht für eine solche verachtet wird, weil das besetzte Land (in der religiösen Version) Juden von Gott verheißen wurde beziehungsweise (in der säkularen Version) jüdischer Oberhoheit notwendig unterstellt bleiben muss, um sich der Gefahr der ‚Auschwitz-Grenzen‘ des alten Kernlands Israel entwinden zu können, als welche diese schon seit Jahrzehnten der israelischen Politrhetorik gelten. …
Nun, dass der israelische Premier um des Machterhalts willen auf nichts und niemanden Rücksicht nimmt, ist bekannt. Selbst die bilateralen Beziehungen mit den USA ist er mit Affronts gegen deren Präsidenten aufs Spiel zu setzen bereit. Es kommt aber ein Weiteres hinzu.
Der Wahlkampf hat eine eigentümliche Dymanik entfaltet, die mit der herkömmlichen Links-rechts-Einteilung nicht mehr zu erfassen ist. Denn der in den letzten anderthalb Jahrzehnten erfolgte Rechtsruck der israelischen Gesellschaft hat bewirkt, dass Israels Linke (also die Reste eines weitgehend demolierten Linksliberalismus) keine Herausforderung mehr für den aus Rechtskonservativen, Rechtsradikalen, Nationalreligiösen und Orthodoxen sich zusammensetzenden Block darzustellen vermag. Der eigentliche Wahlkampf spielt sich letztlich innerhalb des rechten Blocks ab, wobei jede der in diesem Block versammelten Parteien die je andere rechts zu überholen trachtet: je nationalistischer, je populistischer, je ‚zionistischer‘, je fremden-, europa- und weltfeindlicher, desto besser. …“