854: Fritz J. Raddatz hat den Freitod gewählt.

Sein Freund Rolf Hochhuth hat den Tod von Fritz J. Raddatz als „Selbstmord“ bezeichnet. Und wer Raddatz gekannt hat, hält diese Version für plausibel. Ich habe im Winter 2013/14 Fritz J. Raddatz bei seiner letzten Lesung im Göttinger Rathaus erlebt. Da war er noch putzmunter. Im September 2014 hatte Raddatz seinen Abschied vom Journalismus verkündet (vgl. hier Nr. 674).

Er ist wohl seinem Vorbild Kurt Tucholsky gefolgt, „diesem raren Heiligen des antifschistischen Deutschland“ (wie Willi Winkler in der SZ, 27.2.15, schreibt). Tatsächlich war Raddatz, geboren 1931, Zeit seines Lebens bei aller „Vernetzung“ stets ein Einzelner, ein singulärer Mensch und Schreiber. Er hat nicht nur Kritiken und Romane geschrieben, sondern auch über sich selbst schonungslos berichtet. Über seinen gewalttätigen Vater, über seinen Vormund, einen Pastor, der ihn sexuell missbrauchte. Über seine Bisexualität. Eigenem Bekunden nach hat er sich in Paris, London und New York mit über tausend Liebhabern vergnügt.

In der DDR hatte Fritz J. Raddatz über Johann Gottfried Herder ziemlich schnell promoviert. 1971 habilitierte er sich bei Hans Mayer in Hannover, dem er bei dessen Flucht aus der DDR geholfen hatte. Seine erste große Station war das Cheflektorat bei Rowohlt, dem damaligen Verlagszentrum der deutschen Literatur. Georg Lukacs mit seiner Lehre vom bürgerlichen Realismus, die sich auf die Romane des 19. Jahrhunderts stützte, blieb sein Lehrmeister. Auch das hören manche nicht gerne.

Größte Verdienste hat Raddatz als Tucholsky-Herausgeber. Ohne ihn kennten wir den wunderbaren Menschen und Schreiber Kurt Tucholsky, der sich 1935 das Leben nahm, nicht annähernd so gut, wie es der Fall ist. Raddatz lancierte den schwulen James Baldwin. Er druckte Rolf Hochhuths „Stellvertreter“ und förderte Hubert Fichte, Elfriede Jellinek und Walter Kempowski. Das zeigt, welch unterschiedliche Schreibweisen er wertschätzen konnte. Raddatz war kein Dogmatiker. Raddatz druckte Bahman Nirumand, den persischen Studenten, und brachte damit die Studentenbewegung, die 68er, auf den Weg.

Seine besten Jahre hatte Raddatz als Feuilletonchef der „Zeit“ von 1968 bis 1975. Damals war das „Zeit“-Feuilleton das Zentrum des deutschen Geistes. Den Job verlor unser Mann wegen der unbegründeten Zusammenführung Goethes mit dem Frankfurter Bahnhof. Bei der „Zeit“ waren zu unterschiedlichen Zeiten Gerd Bucerius, Marion Gräfin Dönhoff und Helmut Schmidt seine Antipoden. Seine Widersacher im deutschen Feuilleton: Marcel Reich-Ranicki und Helmuth Karasek.

Fritz J. Raddatz demontierte die Legende von der „inneren Emigration“ in der deutschen Literatur.

Willi Winkler schreibt in seinem verständnisvollen Nachruf in der SZ: „Zu seinem Unglück gehörte, dass er zuletzt ein Gnadenbrot bei der ‚Welt am Sonntag‘ verzehren durfte, in einem Altersheim für abgedankte Feuilletonkräfte, großzügig alimentiert von jenem Springer-Verlag, dessen Enteignung der Rowohlt-Lektor Raddatz einst gefordert hatte.“ Das ist hart, aber nicht ganz falsch. In seinen letzten Tagebüchern schrieb Fritz J. Raddatz: „Leben, um zu leben? Wie unsinnig.“ und „Asche und Schatten und Schmerzen – das ist mein Leben geworden.“ (Ronald Meyer-Arlt, HAZ 27.2.15)

Ich verehre Fritz J. Raddatz.

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