836: Alfred Grosser 90

Ich habe Alfred Grosser früh kennengelernt als damals fast „ständigen“ Gast in Werner Höfers „Internationalem Frühschoppen“ immer sonntags um zwölf. Er war ein sehr lebhafter und meinungsfreudiger Teilnehmer. Er nahm auch bei heiklen Themen kein Blatt vor den Mund. Das scheint bis heute so geblieben zu sein. Am 1. Februar ist Grosser 90 Jahre alt geworden.

Grosser wurde in Frankfurt am Main geboren. Seine Familie (der Vater war Professor für Kinderheilkunde) floh 1933 vor den Nazis nach Frankreich, wo Grosser sich schon als junger Mann der Resistance anschloss. Er wurde Professor für Politologie am Institut d’Etudes Politiques de Paris („Sciences Po“), wo er 36 Jahre forschte und lehrte. Über 30 Bücher hat er geschrieben, die teilweise viel gelesen wurden. Zum Heuchler taugte Grosser nicht.

In seinem 2009 erschienenem Buch „Von Auschwitz nach Jerusalem“ übte Grosser harsche Kritik an der israelischen Regierung. Er setzt sich für die Rechte der Palästinenser ein. In seiner 1997 publizierten Autobiografie schildert Grosser sein „Leben als Franzose“. Alfred Grosser erkannte schon 1945 die Notwendigkeit der französisch-deutschen Aussöhnung. Er ist ein Mittler zwischen beiden Staaten geblieben.

Christian Wernicke hat Grosser für die SZ interviewt (31.1./1.2.15).

SZ: Sie haben Deutschland oft als „freudlos“ empfunden, selbst nach der Wende.

Grosser: Das würde ich heute so nicht mehr sagen. Das hat sich geändert, und zwar seit 2006, seit der Fußball-WM! Da hatten die Deutschen gelernt, sich zu freuen. Das ging sogar nach der Niederlage gegen Italien weiter – wunderbar! Nur, prompt riefen deutsche Medien bei mir an und fragten ängstlich, was nur das Ausland zu all den Fahnen sagte und zum neuen Nationalismus.

SZ: Der Irakkrieg 2003, die WM 2006 haben Deutschland „normaler“ gemacht?

Grosser: Ja, aber dieser Prozess dauert an. Das hatte ich schon Mitte der siebziger Jahre angeprangert: Ihr dürft nicht nur Weltwirtschaftsmacht sein, ihr müsst auch Welt-Verantwortung tragen.

SZ: Sie predigten damals, was heute Bundespräsident Joachim Gauck umtreibt?

Grosser: Ja. Erst war’s Volker Rühe, der als Verteidigungsminister 1995 zu sagen wagte, die Bundeswehr übernehme fortan „Mitverantwortung für Freiheit und Menschenwürde anderer“. Ein großes Wort, dem zu wenige Taten folgten. Heute sagen das Präsident Gauck wie auch die Minister von der Leyen und Steinmeier. Nur, viele Deutsche pflegen einen recht feigen Pazifismus. Man will nicht mitmachen, schickt gerne andere vor, etwa Frankeich.

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.