803: Jean Améry über Folter

Angesichts des CIA-Folterskandals drucke ich hier z.T. nach, was die „Zeit“ am 23.12.14 gebracht hat von dem Text „Die Tortur“, den Jean Améry 1966 in seinem Band „Jenseits von Schuld und Sühne“ publiziert hatte. Darin schildert er seine Folter-Erfahrungen im belgischen Lager Breendonk. Améry wurde 1912 als Hans Mayer in Österreich geboren. Als Kind jüdischer Eltern. 1938 floh er aus Wien nach Belgien. Als Mitglied einer Widerstandsgruppe wurde er 1944 verhaftet und nach Auschwitz transportiert. Die Befreiung erlebte er 1945 in Bergen-Belsen. Danach arbeitete Améry als Journalist und war beispielsweise häufiger Gast in Werner Höfers „Internationalem Frühschoppen“. 1978 nahm er sich in Salzburg das Leben, nachdem zwei Jahre vorher sein Essay „Hand an sich legen“ erschienen war.

„Wenn man von Tortur spricht, muss man sich hüten, den Mund voll zu nehmen. Was mir in dem unsäglichen Gewölbe zugefügt wurde, war bei weitem nicht die schlimmste Form der Folter. Mir hat man keine glühenden Nadeln unter die Fingernägel getrieben, noch hat man auf meiner nackten Brust brennende Zigaretten ausgedrückt. Nur das stieß mir dort zu, wovon ich später noch werde erzählen müssen; es war vergleichsweise gutartig, und es hat auch an meinem Körper keine auffälligen Narben zurückgelassen. Und doch wage ich, zweiundzwanzig Jahre nachdem es geschah, auf Grund einer Erfahrung, die das ganze Maß des Möglichen keineswegs auslotete, die Behauptung: Die Tortur ist das fürchterlichste Ereignis, das ein Mensch in sich bewahren kann.

Mit dem ersten Schlag bricht dieses Weltvertrauen zusammen. Der andere, gegen den ich physisch in der Welt bin und mit dem ich nur solange sein kann, wie er meine Hautoberfläche als Grenze nicht tangiert, zwingt mir mit dem Schlag seine eigene Körperlichkeit auf. Er ist an mir und vernichtet mich damit. Es ist wie eine Vergewaltigung.

Im Bunker hing von der Gewölbedecke eine oben in einer Rolle laufende Kette, die am unteren Ende einen starken, geschwungenen Eisenhaken trug. Man führte mich an das Gerät. Der Haken griff in die Fessel, die hinter meinem Rücken die Hände zusammenhielt. Dann zog man die Kette mit mir auf, bis ich etwa einen Meter über dem Boden hing. Man kann sich in solcher Stellung oder solcher Hängung an den hinterm Rücken gefesselten Händen eine sehr kurze Weile mit Muskelkraft in der Halbschräge halten. Man wird, während dieser wenigen Minuten, wenn man bereits die äußerste Kraft verausgabt, wenn schon der Schweiß auf Stirn und Lippen steht und der Atem keucht, keine Fragen beantworten. Komplizen? Adressen? Treffpunkte? Das vernimmt man kaum. Das in einem einzigen, engbegrenzten Körperbereich, nämlich in den Schultergelenken, gesammelte Leben reagiert nicht, denn es erschöpft sich ganz und gar im Kraftaufwand. Nur kann dieser auch bei physisch kräftig konstituierten Leuten nicht lange währen. Was mich betrifft, so musste ich ziemlich schnell aufgeben. Und nun gab es einen von meinem Körper bis zu dieser Stunde nicht vergessenes Krachen und Splittern in den Schultern. Die Kugeln sprangen aus den Pfannen. Das eigene Körpergewicht bewirkte Luxation, ich fiel ins Leere und hing nun an den ausgerenkten, von hinten hochgerissenen und über dem Kopf nunmehr verdreht geschlossenen Armen. Tortur, vom lateinischen torquere, verrenken: Welch ein etymologischer Anschauungsunterricht! Dazu prasselten die Hiebe mit dem Ochsenziemer auf meinen Körper, und mancher von ihnen schnitt glatt die dünne Sommerhose durch, die ich an diesem 23. Juli 1943 trug.

Der Schmerz war, der er war. Darüber hinaus ist nichts zu sagen. Gefühlsqualitäten sind so unvergleichbar wie unbeschreibbar. Sie markieren die Grenze sprachlichen Mitteilungsvermögens. Wer seinen Körperschmerz mitteilen wollte, wäre daruf gestellt, ihn zuzufügen und damit selbst zum Folterknecht zu werden. Aufheulend vor Schmerzen ist der gewalthinfällige, auf keine Hilfe hoffende, zu keiner Notwehr befähigte Gefolterte nur noch Körper und sonst nichts mehr.

In der Welt der Tortur aber besteht der Mensch nur dadurch, dass er den anderen vor sich zuschanden macht. Ein schwacher Druck mit der werkzeugbewehrten Hand reicht aus, den anderen samt seinem Kopf, in dem vielleicht Kant und Hegel und alle neun Symphonien und die Welt als Wille und Vorstellung auzfbewahrt sind, zum schrill quäkenden Schlachtferkel zu machen. Der Peiniger selbst kann dann, wenn es geschehen ist und er sich ausgedehnt hat in den Körper des Mitmenschen und ausgelöscht hat, was dessen Geist war, zur Zigarette greifen oder sich zum Frühstück setzen oder, wenn es ihn danach gelüstet, auch bei der Welt als Wille und Vorstellung einkehren.

Ich habe auch nicht vergessen, dass es Momente gab, wo ich der folternden Souveränität, die sie über mich ausübten, eine Art von schmählicher Verehrung entgegenbrachte. Denn ist nicht, wer einen Menschen so ganz zum Körper und wimmernder Todesbeute machen darf, ein Gott oder zumindest Halbgott?

Was man in Breendonk von mir hören wollte, wusste ich einfach selbst nicht.

Ich sprach. Ich bezichtigte mich erfundener phantastischer Staatsverbrechen, von denen ich heute noch nicht weiß, wie sie mir baumelndem Bündel überhaupt haben einfallen können. In mir war offenbar die Hoffnung, ein wohlgezielter Schlag über den Schädel würde nach solch belastenden Geständnissen dem Elend ein Ende machen und mich schnell hinüberbefördern in den Tod, zumindest aber in Bewußtlosigkeit. Bewußtlos wurde ich schließlich wirklich – und damit war es für einmal zu Ende, denn die Büttel verzichteten darauf, den Zusammengeschlagenen wieder zu erwecken, da doch der Unsinn, den ich ihnen aufgebunden hatte, ihre blöden Hirne beschäftigte.

Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt. Dass der Mitmensch als Gegenmensch erfahren wurde, bleibt als gestauter Schrecken im Gefolterten liegen: Darüber blickt keiner hinaus in eine Welt, in der das Prinzip Hoffnung herrscht. Der gemartert wurde, ist waffenlos der Angst ausgeliefert. Sie ist es, die fürderhin über ihn das Zepter schwingt. Sie – und dann auch das, was man die Ressentiments nennt. Die bleiben und haben kaum die Chance, sich in schäumend reinigendem Rachedurst zu verdichten.“

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