796: Kurt Tucholsky 125

Am 9. Januar 1890 wurde Kurt Tucholsky in Berlin geboren, er wird also heute 125 Jahre alt. Am 21.12.1935 hat er sich in Hindas/Schweden das Leben genommen. Der Journalist und Schriftsteller war in der deutschen Publizistik des 20. Jahrhunderts wohl der

größte Stilist.

Er gehört in die Reihe der Ludwig Börne (1786-1837) und Heinrich Heine (1797-1856), alle drei Juden. Tucholsky schrieb auch unter den Pseudonymen

Peter Panter,

Kaspar Hauser,

Theobald Tiger und

Ignaz Wrobel.

Hauptsächlich für die „Weltbühne“, aber auch für Blätter wie das „Berliner Tageblatt“ oder die „Vossische Zeitung“. Kurt Tucholsky war ein dezidierter Linker und Pazifist. Von 1924 bis 1930 arbeitete er als Korrespondent in Frankreich (vgl. Börne und Heine). Seit 1930 lebte er in Schweden, aber er schrieb für deutsche Zeitungen und Zeitschriften. Tucholsky hat sich dafür eingesetzt, dass der Nachfolger Siegfried Jakobsohns bei der „Weltbühne“, Carl von Ossietzky, den Friedensnobelpreis erhielt. Ossietzky saß im Konzentrationslager Esterwegen und starb 1938 in Berlin.

Die heute wieder so aktuelle Frage „Was darf die Satire?“ hat uns Kurt Tucholsky mit „Alles!“ schlüssig beantwortet.

Tucholskys Grab („Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.“) befindet sich in Mariefred bei Göteborg in Schweden. 1935 hat er die politische Lage in Deutschland wohl zu deutlich gesehen und resigniert. Dass wir Tucholsky heute so gut kennen können, dafür hat Fritz J. Raddatz gesorgt, in den achtziger Jahren Feuilletonchef der „Zeit“.

Ich schreibe hier hin Kurt Tucholskys Gedicht „Das Ideal“. Es erschien am 31. Juli 1927 in der „Berliner Illustrierten Zeitung“:

„Ja, das möchste:/Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,/vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;/mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,/vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehen – /aber abends zum Kino hast dus nicht weit.//Das ganze schlicht, voller Bescheidenheit://Neun Zimmer, – nein, doch lieber zehn!/Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,/Radio, Zentralheizung, Vakuum,/eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,/eine süße Frau voller Rasse und Verve – /(und eine fürs Wochenend, zur Reserve) -,/eine Bibliothek und drumherum/Einsamkeit und Hummelgesumm.//Im Stall: Zwei Ponies, vier Vollbluthengste,/acht Autos, Motorrad – alles lenkste/natürlich selber – das wär ja gelacht!/Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.//Ja, und das hab ich ganz vergessen:/Prima Küche – erstes Essen – /alte Weine aus schönem Pokal – /und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal./Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion./Und noch ne Million und noch ne Million./Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit./Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.//Ja, das möchste!//Aber wie das so ist hienieden:/manchmal scheints so, als sei es beschieden/nur pöapö, das irdische Glück./Immer fehlt dir irgendein Stück./Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;/hast du die Frau, dann fehln die Moneten – /hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:/bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.//Etwas ist immer.//Tröste dich//Jedes Glück hat einen kleinen Stich./Wir möchten so viel. Haben. Sein. Und gelten./Dass einer alles hat: das ist selten.“

 

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