789: Günter Rohrbach und der „amphibische Film“

Günter Rohrbach (geb. 1928) ist der erfolgreichste deutsche Produzent. Er kam 1961 zum WDR, wurde 1979 Geschäftsführer der Bavaria in München und ist seit 1994 als freier Produzent tätig. Er kennt also Fernsehen und Film. Und er prägte Ende der siebziger Jahre den Begriff des „amphibischen Films“, eines Films, der sowohl für das Fernsehen als auch für das Kino produziert wird. Das war wegen des so unterschiedlichen Formats im Kino und am Fernseher und auf Grund der völlig verschiedenen Rezeptionssituation bei den beiden Massenmedien für uns ein wichtiger neuer Begriff. Er hatte seinen Grund sicher auch im deutschen Filmförderungssystem (Film-Fernseh-Abkommen).

Katharina Riehl und Claudia Tieschky haben ihn für die SZ (5./6.1.15) interviewt.

SZ: Den Streit um die Ausstrahlung der US-Serie ‚Holocaust‘ in der ARD. Die allgemeine Ansicht war, das dürfe man nicht senden. ‚Holocaust‘ hat die Intellektuellen gezwungen, sich zur Unterhaltung zu verhalten.

Rohrbach: Fernsehspiele, Spielfilme und Serien wollen unterhalten. Das erschien vielen bei diesem Thema obszön. Nach dem wir ‚Holocaust‘ gesehen hatten, standen Peter Märtesheimer und ich auf einer Vorortstraße in Köln – nur dort, bei Sony, gab es eine Vorführmöglichkeit – und wir wussten zwei Dinge. Wir müssen das senden, und wir werden dafür geprügelt.

SZ: Sie sind der Erfinder eines welteinzigen Wortes: der ‚amphibische Film‘. Einer, der für Fernsehen und Kino gleichermaßen gemacht ist. War der Begriff positiv gemeint oder nicht doch eher skeptisch?

Rohrbach: Als ich ihn zum ersten Mal verwendet habe, war das aus purer Verdrossenheit. Der sogenannte Neue Deutsche Film kam fast ausschließlich vom WDR, war also in Wirklichkeit eine Fernsehgeburt, die ins Kino hinein entlassen wurde.

Fassbinder, Wenders, Trotta, Schlöndorff, Geissendörfer, Edgar Reitz, Kluge –

all diese Leute haben gerne unser Geld genommen und auch unsere freundliche Begleitung, aber dann wollte man uns nicht weiter dabeihaben. Mir ging es darum zu sagen, dass Filme etwas sind, das zwar zunächst im Kino läuft, dann aber auch als Video, als Fernsehen, von den heutigen Möglichkeiten ganz abgesehen.

SZ: Dann reden wir doch von ihrem Welterfolg, den Sie nach dem WDR bei der Bavaria produziert haben – den amphibischen Film ‚Das Boot‘.

Rohrbach: Lothar-Günther Buchheim war in der Tat ein Autor von großer erzählerischer Kraft, aber so jemand wird im deutschen Literaturbetrieb nicht ernst genommen. Heute gilt etwas Ähnliches für Frank Schätzing. Dass ‚Das Boot‘ allen Kritiken zumTrotz ein so großer Erfolg wurde, hat viele Gründe. Nicht zuletzt aber, dass wir uns auf eine Vorlage stützen konnten, wie sie in der deutschen Literatur eine extreme Seltenheit ist.

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