Jeder fünfte Deutsche lebt 2014 allein. Genau 21 Prozent der Frauen. Dazu hat Marie Schmidt Barbara Vinken befragt (Die Zeit 4.12.14). Sie ist Professorin für Romanistik an der Universität München und gilt als Feministin und Expertin für Beziehungen. Gerade erschienen ist ihr Buch „Angezogen. Das Geheimnis der Mode“.
Zeit: Online-Dating zum Beispiel implementiert ja genau die Suche des statusgleichen Partners.
Vinken: Ja, sehr traurig, nicht? „Liebe ist kein Zufall“, heißt es da – ganz und gar trostlos! Wie man weiß, ist Eros blind – ’stupid cupid‘. Da kann es doch nicht um gleiche Einkommenschancen gehen oder um die Möglichkeit zu erben. Standesgleichheit war das Modell, gegen das sich die Liebesehe einmal durchgesetzt hatte.
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Zeit: Es wäre ja schön, wenn man die Energie, die man in die Erfüllung von Eheidealen investiert, zum Beispiel in eine interessante Liebesbeziehung investieren würde.
Vinken: Ich bin schon sehr lange verheiratet und glücklich, und dann sagen die Leute immer: Mensch, das bewundere ich, das ist eine unheimliche Leistung. Gerade das ist es aber überhaupt nicht. Ich habe nie etwas geleistet, und ich glaube, man kann dafür auch nichts leisten; es stößt einem zu. Die Vorstellung von Beziehungsarbeit zeigt, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der kapitalistisch-zweckrationales Verhalten auf alles ausgedehnt wird. Gerade für das Erotische ist das verheerend. Denn das Erotische hat prinzipiell mit Verlust, Mangel und Verletzung zu tun, und wenn man das vermeidet, wird dieser Bereich fast ausgelöscht.