780: Mit Zahlen lügen

Die Naiveren unter uns lassen sich häufig von dem Satz leiten

„Zahlen lügen nicht.“,

obwohl Statistiker und Mathematiker uns permanent warnen, Zahlen als Autoritäten zu vertrauen, die uns von Verantwortung für unsere Entscheidungen entlasten. Es müssten Vergleichsdaten präzise angeben werden, Ausgangsgrößen und Verteilungszeiträume.

Gerd Bosbach ist Professor für Statistik, Mathematik und Empirik an der FH Koblenz. Er hat beim Statistischen Bundsamt und für die kassenzahnärztliche Bundesvereinigung gearbeitet. Guido Bohsem und Thomas Öchsner haben ihn für die SZ (29.12.14) interviewt.

SZ: Sie haben mehr als drei Jahre in der kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung als Statistiker gearbeitet. Haben Sie dort selbst kennengelernt, wie man sich Zahlen passend zurechtbiegt?

Bosbach: Ja, das war die hohe Schule des Lügens mit Zahlen. Da wird schon geguckt, was man als Ergebnis braucht. Wenn Sie jammern wollen, dass die Ärzte zu wenig verdienen, berücksichtigen Sie die Preissteigerungsraten. Wenn Sie loben wollen, vielleicht, weil der Vorsitzende wieder gewählt werden will, holen Sie gute Zahlen heraus. Ein anderes beliebtes Verfahren ist es, falsche Zusammenhänge zu bilden. Es ist etwas passiert, und parallel ist etwas anderes passiert, und schon wird das eine als Ursache für das andere interpretiert. Damit wird natürlich Politik gemacht.

SZ: Das große Thema, das derzeit durch viele Prognosen wabert, ist die demografische Entwicklung. Warum teilen Sie die Befürchtungen nicht, dass dies zu einem großen Thema in Deutschland wird?

Bosbach: Ich kann hier nur vor Panikmache warnen. Das zeigt schon ein Blick in die Vergangenheit. Von 1900 bis zum Jahr 2000 ist die Lebenserwartung um mehr als 30 Jahre gestiegen. Jetzt werden acht weitere Jahre bis 2060 erwartet. Die Zahl der über 65-Jährigen erhöhte sich in Deutschland von 1900 bis 2000 auf mehr als das Dreifache. Trotzdem geht es den Rentnern und Arbeitenden heute deutlich besser als früher.

SZ: Ja, aber die Zahl der Erwerbstätigen ist auch gewachsen.

Bosbach: 1900 kamen auf einen über 65-Jährigen 13 Erwerbstätige. Heute sind es nur noch drei. Und dennoch haben wir das gut geschafft.

SZ: Woran liegt das?

Bosbach: Wir können die Produktivität nicht einfach unter den Tisch fallen lassen. Es kann nicht nur um die Anzahl der Rentner gehen, sondern auch um das, was die Arbeitnehmer und Arbeitgeber erwirtschaften können. Ein Beispiel: 1900 ernährte ein Bauer acht Menschen, im Jahr 2000 waren es schon mehr als 80 – mit deutlich besseren Produkten. Wenn es uns also gelingt, die Produktivität nur geringfügig jedes Jahr um gut ein Prozent zu steigern, können wir weiter gut leben. Das ist der eine Grund, warum ich nicht in den Katastrophengesang einstimme.

SZ: Und der andere?

Bosbach: Wer davor warnt, dass die Erwerbstätigen in Deutschland immer mehr Alte finanzieren müssen, übersieht, dass die Arbeitenden auch die Kinder und Jugendlichen ernähren müssen. Die Jungen werden aber weniger. Der Kuchen wird größer, die Zahl der Esser wird kleiner.

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