697: Akademisches Prekariat

Peter Grottian, 72, Emeritus für Politikwissenschaft, berichtet angesichts des demnächst einzuführenden flächendeckenden Mindestlohns von 8,50 Euro vom akademischen Prekariat (SZ 7.10.14). Er sieht es in ca. 90.000 Lehrbeauftragten an den Universitäten und Fachhochschulen, die dort 30 bis 40 Prozent des vorgeschriebenen Lehrdeputats schultern. Sie sind häufig promoviert und bringen ihre sehr wertvollen Berufserfahrungen in die wissenschaftliche Lehre ein. Grottian meint, dass sie behandelt werden wie der „letzte Dreck“. Das ist darin begründet, dass je nach Vorbereitungs- und Beratungszeit manche Lehrbeauftragte einen Stundenlohn von zwei Euro bekommen. „An Deutschlands Universitäten gibt es keinen Mindestlohn, sondern maximale Ausbeutung.“

In den vergangenen sechs Jahren ist die Zahl der Studierenden um

22 Prozent

gestiegen. „Wer auf die schamlose Ausbeutung der Lehrbeauftragten setzt, dem sind die katastrophalen Lehr-Lern-Verhältnisse an deutschen Hochschulen egal.“ Die Professoren profitieren von diesem System. Möglicherweise haben sie gar kein Interesse an einer verbesserten Lehre. Ihre nicht-promovierten wissenschaftlichen Mitarbeiter sitzen weithin auf halben Stellen, die zeitlich eng begrenzt sind. Die habilitierten Dozenten arbeiten in der Hoffnung auf einen Ruf häufig umsonst, um ihre Lehrbefugnis zu erhalten.

Gegen diese im Grunde unhaltbaren Zustände engagieren sich Hochschulverwaltungen, Ministerien, Hochschulrektorenkonferenz, Parteien und die Gewerkschaft Verdi nicht. Sie haben wohl den Eindruck, dass auf diese Weise die Kosten niedrig gehalten werden. Insgesamt ist das System der akademischen Lehre ein System der Unverantwortlichkeit. Katastrophal. Die Mitglieder der Hochschulen protestieren dagegen nicht, weil sie darin ja noch reüssieren wollen.

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