Die 37-jährige finnische Autorin Sofi Oksanen wird als Star der Buchmesse angekündigt. Gerade hat sie ihren vierten Roman
Als die Tauben verschwanden. Köln (K & W) 2014, 432 S., 19,99 Euro,
veröffentlicht. Darin setzt sie sich mit dem Baltikum auseinander, der Heimat ihrer Mutter. Holger Heimann hat sie für die „Literarische Welt“ interviewt (20.9.14).
LW: Sie fordern vom Westen, nicht länger mit Russland zu diskutieren, sondern zu handeln. Was erwarten Sie?
Oksanen: Für Russland bedeutet Diplomatie nur eines: blenden und täuschen. Sie lügen die ganze Zeit. Es gibt keinen Grund, mit jemanden zu reden, der lügt. Der Kreml behandelt Vorgänge in der Ukraine als innenpolitische Angelegenheiten. Aber das sind sie nicht. Nachdem der Westen die Oligarchen auf die Sanktionsliste gesetzt hat, ist Russland dazu übergegangen, die gesamte Lebensmittelproduktion aus dem Westen zu boykottieren. Das ist einerseits nicht besonders intelligent, denn Russland ist abhängig davon. Andererseits wird so der Krieg zu einem kollektiven Kampf überhöht. Die Last haben vor allem die einfachen Leute zu tragen. Jeder Einzelne, der keine Milch oder Butter bekommt oder kein Ersatzteil für sein Auto, wird Teil eines kollektiven Kriegsgedächtnisses.
LW: Wie lässt sich die Situation entschärfen?
Oksanen: Russland muss die Krim an die Ukraine zurückgeben und klären, wer verantwortlich ist für den Flugzeugabsturz. Aber weder das eine noch das andere scheint derzeit sehr wahrscheinlich.
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