Wie ein Naturwissenschaftler Sigmund Freud versteht, können wir erkennen, wenn wir das Interview lesen, das Julia Schaaf mit Stefan Klein geführt hat (FAS 28.9.14), der ein Buch mit dem Titel
Träume. Eine Reise in unsere innere Wirklichkeit. Frankfurt/Main (S. Fischer) 2014, 19,99 Euro,
geschrieben hat.
FAS: … Sigmund Freud wäre auf andere Assoziationen gekommen.
Klein: Vielleicht hätte er gedeutet, ich wolle meine Mutter beschlafen! Aber ich muss Ihnen widersprechen. Ich finde meine Erklärung nicht banal, sondern viel interessanter als die Fantasien des Herrn Freud. Denn der Traum zeigt, wie meine Erinnerung funktioniert und wie ich Erfahrungen noch Wochen später verarbeite, nämlich wie ein Wiederkäuer, in Etappen. Außerdem finde ich merkwürdig, dass wir Freud noch immer für maßgeblich halten. „Die Traumdeutung“ hat er vor 115 Jahren geschrieben. Ich bin Physiker. Bücher, nach denen ich vor 25 Jahren gelernt habe, können Sie heute vergessen.
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FAS: Das heißt: Traumdeutungsbücher wegschmeißen?
Klein: Ja. Oder Sie betrachten sie als historische Kuriosität.
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FAS: Ich neige dazu, Menschen, die sich mit ihren Träumen beschäftigen, für esoterische Spinner oder ewiggestrige Freudianer zu halten.
Klein: Sie sind vielleicht infiziert von einer gestrigen Sicht auf unsere Träume. Durch die Neurowissenschaft haben wir einen unbefangeneren, spielerischen Zugang gewonnen, der überhaupt nichts mehr mit Irrationalität, Nabelschau oder Kaffeesatzleserei zu tun hat. Für mich sind Träume auch eine ästhetische Erfahrung, wahnsinnig, schön und ausdrucksstark. Voller Einfälle. Und häufig sehr komisch. Mein Sohn hat im Alter von drei Jahren gesagt, er würde nachts im Bett Filme gucken. Gehen Sie nicht gerne ins Kino? Träume sind Filme über ihr eigenes Leben, und dabei viel fantastischer als alles, was Hollywood sich ausdenken könnte.
FAS: Was erfahre ich über mich, wenn ich mich mit meinen Träumen beschäftige?
Klein: Träume sind so etwas wie ein Schlüssel zu unserem Bewusstsein. In ihnen erfahren Sie, wie ihr Geist arbeitet, wenn er nicht von der Außenwelt abgelenkt ist: Wie erzeugen Sie das, was Sie als Wirklichkeit empfinden? Wie kommt es, dass Sie überhaupt Bilder sehen können? Wie entsteht ihre Erinnerung? Diese Ebene hat noch gar nicht viel mit ihrer Lebensgeschichte zu tun. Auf der anderen Ebene erfahren Sie durchaus, was Sie beschäftigt. Sie erleben etwas, dass ich in meinem Buch „die Unterströmungen der Seele“ genannt habe.
FAS: Da wäre Freud jetzt gleicher Meinung.
Klein: Er dachte allerdings, dass in diesen Unterströmungen etwas Verbotenes, Verdrängtes ist.
FAS: Haben wir deshalb ein bisschen Angst vor unseren Träumen?
Klein: Da können wir uns wirklich bei Sigmund Freud bedanken. Wenn ich den Glauben daran verinnerlicht habe, dass meine Träume in Wirklichkeit ausdrücken, dass ich mit der besten Freundin meiner Frau ins Bett gehen und meinen Vater umbringen will, dann fürchte ich sie natürlich. Da hat Freud kurioserweise Tabus geschaffen, wo keine sein müssten. Ich meine mit Unterströmungen einfach, dass wir für gewisse Dinge tagsüber viel zu beschäftigt sind. Wir rennen den ganzen Tag herum und nehmen eine gewisse Traurigkeit, Angst oder Euphorie gar nicht wahr, weil die äußeren Reize zu stark sind. Im Traum hingegen begegnen Ihnen so etwas wie Leitmotive ihres Lebens.
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