663: „Schweigespirale“ – auch im Netz

Vor vierzig Jahren, 1974, publizierte Elisabeth Noelle-Neumann ihre Theorie der „Schweigespirale“, die sie später so zusammenfasste: „Wer feststellt, dass sich seine Meinung ausbreitet, fühlt sich dadurch gestärkt und äußert seine Meinung sorglos, redet, ohne Isolation zu fürchten. Wer feststellt, dass seine Meinung an Boden verliert, wird verunsichert und verfällt in Schweigen.“ (Niklas Hofmann SZ 1.9.14)

Diese hochplausible Theorie wurde seinerzeit allerdings empirisch nicht untermauert, etwa in der „Kameramann-Studie“ von Hans-Mathias Kepplinger. Der dezidierten CDU-Anhängerin Elisabeth Noelle-Neumann ging es offensichtlich in erster Linie darum zu zeigen, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen durch seine Berichterstattung dazu führte, dass die Union (CDU/CSU) mit Rainer Barzel oder Helmut Kohl nach 1969 nicht wieder an die Macht kam. Die Pressekonzentration hielt Noelle-Neumann eigenartigerweise nicht für gefährlich. Ihr Gegner war das öffentlich-rechtliche Fernsehen.

Nun hat eine wissenschaftliche Studie des Pew Research Internet Project, die sich ausdrücklich auf Noelle-Neumann beruft, erwiesen, dass auch im Netz die Theorie der Schweigespirale gilt. Dazu wurden 1.8o1 Amerikaner zu ihrem Umgang mit Edward Snowdens Enthüllungen zur NSA befragt. Nur 42 Prozent von ihnen gaben an, dass sie online über die Affäre diskutieren mochten, während 86 Prozent dazu im persönlichen Gespräch bereit waren. Die Wahrscheinlichkeit, sich zu äußern, stieg aber, wenn die Befragten den Eindruck hatten, andere seien mit ihnen einer Meinung, und sank, wenn das Gegenteil der Fall war.

Dazu meint der Hauptautor der Studie, Keith Hampton: „Manche hatten die Hoffnung, dass soziale Medien neue Kanäle bieten könnten, die zu mehr Diskussionen und zu einem breiteren Meinungsaustausch führen würden. Aber wir beobachten das Gegenteil – eine Schweigespirale existiert auch online.“

Deswegen finden wir im Netz auch so viele Wiederholungen und Bekräftigungen altbekannter Auffassungen, ein typisches Phänomen der Massenkommunikation.

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