656: War Kafka religiös ?

Nicht wenige von denen, die ich als literarische Experten sehe, betrachten Franz Kafka als den größten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Jetzt diskutieren der französische Schriftsteller Georges-Arthur Goldschmidt, der 1938 als Jude aus Deutschland fliehen musste, und der Kafka-Biograf Reiner Stach (der dritte Band seiner Kafka-Biografie erscheint demnächst) in der FAZ (23.8.14) über den Schriftsteller und über die Frage, ob er religiös gewesen sei, wie Kafkas Freund Max Brod behauptet habe.

Goldschmidt: Ich habe nicht gelesen, was Brod über Kafka geschrieben hat. Aber mir ist schon als kleinem Studenten niemals eingefallen, Kafka religiöses Denken zu unterstellen. Damit hat er nichts zu tun. Kafka steht vielmehr für die Abschaffung religiösen Denkens.

Stach: Es gibt heute noch Autoren, die das Gegenteil behaupten. Zum Beispiel Sibylle Lewitscharoff. Bei einer Kafka-Woche, die ich kürzlich in Berlin kuratiert habe, behauptete sie, bei Kafka sei permanent eine metaphysische Hintergrundstrahlung spürbar.

Goldschmidt: O Gott, furchtbar! Es gibt keinen HIntergrund bei Kafka. Der Satz sagt, was er sagt, und nicht anderes. Kafkas Mechanik ist derart perfekt.

Stach: Er benutzt natürlich Motive und Erzählmodelle aus der jüdischen Überlieferung. Eine besondere Art von Paradoxa zum Beispiel. Aber genau über das, was wir gerade bereden, muss es auch zwischen Brod und Kafka Streitgespräche gegeben haben. Eines hat Brod überliefert, bei dem er Kafka vorgehalten habe: „Nach dem, was du da sagst, gibt es ja gar keine Hoffnung!“ Und darauf habe Kafka ihm geantwortet: „Doch, es gibt unendlich viel Hoffnung. Aber nicht für uns.“

W.S.: Am Ende läuft es darauf hinaus, was stets entscheidend ist. Nämlich die Perspektive desjenigen, der Kafkas Literatur betrachtet und bewertet.

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