630: Der neue Nahe Osten

In der Gast-Kolumne der SZ (9.7.14) analysiert Joschka Fischer die Lage im Nahen Osten.

Es entstehe ein neuer Naher Osten aus einem immer größer werdenden Chaos in dieser konfliktreichen Region. „Ursünde dieser Entwicklung war die militärische Invasion 2003 unter Präsident George W. Bush. Die damals in Washington regierenden Neocons hatten den Kopf voller Ideologie und Wunschdenken. Die Realität aber vergaßen sie – und damit auch die Antwort auf die Frage, wie sie das durch den Sturz Saddam Husseins entstandene Machtvakuum im Land und in der Region zu füllen gedachten. Wenn sich dieselben irrenden Gestalten wieder nahen, angeführt von Tony Blair und Dick Cheney, um Obama zu kritisieren, dann ist das nur lachhaft; sie haben das heutige Desaster entscheidend verursacht.“

Es drohe der Zerfall des Iraks. Die Grenzen der ganzen Region würden neu gezogen. Falls es Isis gelänge, ein staatsähnliches Gebilde zu installieren, hätten die USA den Kampf gegen den Terror verloren. Gegenwärtig tobe der Kampf um die Vorherrschaft in der Region zwischen Saudi-Arabien und Iran.

Zwischenzeitlicher Gewinner seien die Kurden, deren Wunsch nach einem eigenen Staat durch die Entwicklung begünstigt werde. Sie verfügten mit den Peschmerga über eine schlagkräftige Armee. „Die Nachbarn Iran und Türkei und die USA werden die Kämpfer der Peschmerga gegen Isis dringend brauchen, …“

Im neuen Nahen Osten würden die USA zunehmend gezwungen, mit Iran zusammenzuarbeiten. Die einstigen Todfeinde kämpften nun gegen die Dschihadisten – diese wiederum würden von den sunnitischen Staaten der Golfregion unterstützt, den bisherigen Verbündeten der USA. Ob Jordanien die Veränderungen unbeschadet überstehen würde, sei fraglich.

„Unmittelbar ergeben sich aus dieser Entwicklung für Europa zwei Risiken:

Erstens drohen die zurückkehrenden Dschihadkämpfer den Terror mitzubringen, den sie dort gelernt haben.

Und zweitens könnten die Ideen der Dschihadisten auf Teile des Balkans überspringen.

Dieser südeuropäischen Region werden Brüssel und die nationalen Hauptstädte der EU im Interesse ihrer eigenen Sicherheit eine sehr viel größere Aufmerksamkeit schenken müssen als bisher.“

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