565: Für Terry Eagleton stirbt die Universität.

Der britische Literaturtheoretiker Terry Eagleton ist derzeit in Deutschland. Er sieht sich selbst als Marxisten und „public intellectual“. Er macht einen Unterschied zwischen Akademikern und Intellektuellen. Michael Stallknecht und Johann Schloemann haben ihn in der SZ interviewt (14.5.14).

SZ: Woran machen Sie das fest?

Eagleton: Es gibt einen Unterschied zwischen dem Akademiker und dem Intellektuellen. Der Akademiker ist meist ein Spezialist, der sich mit bestimmten Gegenständen beschäftigt, der Intellektuelle wird, bei aller akademischen Grundlage, vor allem dafür gebraucht, sich zwischen verschiedenen Gegenständen bewegen zu können. Weil er eine Idee von der Gesellschaft als ganzer hat. Der Akademiker muss das nicht tun, er muss nicht notwendig ein Kritiker sein. Der Freiraum für Intellektuelle schwindet aber. Wir haben noch ein paar, die wir sehr bewundern. Noam Chomsky, Jürgen Habermas. Aber der heutige Kapitalismus hat wenig Zeit für große, übergreifende Ideen.

SZ: Und warum fehlt diese Zeit?

Eagleton: Einer der Gründe dafür ist, dass solche Ideen riskant sein können. Kleine, pragmatische Ideen gibt es ja viele: Wie können wir nächste Woche unseren Gewinn vergrößern? Und so weiter. Aber übergreifendes Denken ist gefährlich. Doch es gab bis vor kurzem noch einen Raum für ein derart risikofreudiges, kritisches Denken.

SZ: Nämlich?

Eagleton: Dieser Raum hieß: Universität. Die Universität als Zentrum von Kritik, von Nachfragen, von Reflexion, von generellen und fundamentalen Fragen ist fast tot. Das ist eine folgenschwere Entwicklung, deren Zeugen wir gerade sind. Wir können unseren Enkeln erzählen: Wir waren dabei, als die Universität verstarb. Viele nehmen das wahr, aber kaum einer versteht die Bedeutung des Vorgangs. Diese Institutionen werden mehr und mehr zu Werkzeugen des fortgeschrittenen Kapitalismus. Ich mache hier keine Witze oder übertreibe: In zwanzig Jahren könnte es in Großbritannien keine Geisteswissenschaften mehr geben. Die Leute, die die Institutionen leiten, wollen sie los werden, weil sie im Prinzip kein Geld bringen. Aber auch deshalb, weil sie Verlegenheit auslösen, weil sie unbequem sind, weil sie nicht reinpassen. Das ist eine geistige Krise von enormen Dimensionen.

Anmerkung W.S.: Furchtbar die Vorstellung, dass einfache Ingenieure und IT-Techniker übrig bleiben, die von Philosophie, Politik und Gesellschaft nichts verstehen. Unerträglich.

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