Amos Oz wurde 1939 als Amos Klausner in Jerusalem geboren. Er ist einer der wichtigsten Schriftsteller Israels. Sein Roman „Die Geschichte von Liebe und Finsternis“ war ein Welterfolg. Er hat den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten. Oz hat sich früh für die israelische Friedenspolitik engagiert. Gegen die Besatzung der Palästinensergebiete. Er gilt manchen als das Gewissen Israels. Sein jüngstes Buch „Juden und Worte“ verfasste Oz zusammen mit seiner Tochter, der Historikerin Fania Oz-Salzberger. Es erschien 2013 bei Suhrkamp. Für die taz (3./4.5.14) hat Susanne Knaul den Schriftsteller interviewt.
taz: Warum haben Sie schon als Fünfzehnjähriger das Haus Ihrer Eltern verlassen?
Oz: Die Wahrheit ist, dass ich meinen beiden Eltern sehr gezürnt habe. Ich war wütend auf meine Mutter, weil sie sich das Leben genommen hat, als wäre sie mit einem Liebhaber weggelaufen, ohne uns auch nur einen Brief zu hinterlassen. Auf meinen Vater war ich wütend, dass er sie verloren hat. Es musste etwas sehr falsch mit ihm gewesen sein. Und auf mich selbst war ich noch wütender, denn wenn meine Mutter sich das Leben nimmt, dann musste ich ein sehr ungezogener Junge gewesen sein. Die Mutter eines braven Jungen bleibt bei ihrem Sohn.
taz: Ist es noch zu einer Versöhnung gekommen?
Oz: Mein Vater ist sehr jung gestorben, aber wir sind uns am Ende seines Lebens doch nähergekommen. Allerdings niemals politisch. Über Politik streite ich weiter mit ihm, dabei ist er seit 44 Jahren tot. Ich hatte meine Eltern lange aus meinem Leben verbannt, aber über die Jahre veränderte sich meine Einstellung. Statt Zorn kommen Neugierde, Mitleid und Humor. Ich habe mich immer mehr gefragt, wer meine Eltern waren. In meinem Roman „Die Geschichte von Liebe und Finsternis“ mache ich sie zu meinen Kindern.
taz: Warum entschieden sie sich damals für den Kibbuz?
Oz: Ich wollte anders sein als mein Vater und alles anders machen. Er war der Gelehrte, ich wollte Traktor fahren, er war rechts, ich wurde Sozialist. Mein Vater stimmte unter zwei Bedingungen zu, dass ich in einen Kibbuz ging. Er musste in der Nähe von Jerusalem sein und über eine Schule verfügen, deshalb zog ich nach Hulda.
taz: Sie blieben dreißig Jahre und kommentierten das Modell später nicht immer nur wohlwollend. War es ein Fehler, in den Kibbuz Hulda zu gehen?
Oz: Mir tut es für meine Kinder leid. Die Kinderhäuser, in denen die Kinder damals noch getrennt von den Eltern wohnten, waren nicht gut für sie. Davon abgesehen bin ich ohne Groll aus dem Kibbuz weggegangen. Wir zogen nach Arad, weil mein Sohn unter Asthma litt und das Klima dort gesünder für ihn war.
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taz: In Ihrem neuen Buch „Juden und Worte“, das sie zusammen mit Ihrer Tochter Fania Oz-Salzberger verfassten, sagen Sie, dass sich das jüdische Volk durch die Texte definiert. Wie funktioniert das?
Oz: Ich gehe davon aus, dass es neben der religiösen Definition auch eine weltliche gibt, die sich aus der kulturellen Identität der Juden ergibt. Diese Identität macht uns zum Volk. Die Texte machen uns zum Volk. Übrigens ist es für mich vollkommen unwichtig, ob Abu Masen (der palästinensische Präsiden Mahmud Abbas) Israel als Staat der Juden anerkennt oder nicht. Mir reichte es aus, wenn er unser Recht zur Selbstdefinition anerkennen würde.
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taz: In Ihrem und Fanias Buch tauchen die Palästinenser nicht mehr auf. Stimmen Sie mir zu, dass Sie diesmal den Ultraorthodoxen den Kampf ansagen?
Oz: Es ist keine Kampfansage, denn das Buch ist in sehr ruhigem Tonfall geschrieben. Es beschuldigt niemanden, sondern zeigt einen Weg, wie es möglich ist, ein weltlicher Jude zu sein in Bezug auf die Texte, auch ohne Synagoge und ohne den Glauben an Gott. Wir respektieren die, die einen anderen Weg gehen, und sagen nicht, dass unser Weg der einzige ist. Wir sagen nicht, dass der Weg der Orthodoxen absurd ist, aber wir wehren uns gegen die Orthodoxen, wenn sie sagen, dass wir so leben müssen wie sie.
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taz: Sie schreiben mit großem Schmerz darüber, wie schwer es ist, das Päckchen Glauben und Gott von sich zu werfen. Bedauern Sie es manchmal, nicht gläubig zu sein?
Oz: Die Rede ist hier nicht nur von Juden, sondern von dem modernen weltlichen Menschen. Bis vor hundert Jahren mehr oder weniger, ob in Deutschland, Ägypten oder in China, wusste er drei einfache Dinge. Er wusste, wo er leben würde, nämlich dort, wo er geboren wurde, oder in dem Dorf nebenan. Er wusste, was er tun würde. Er würde das tun, was sein Vater oder seine Mutter getan haben, oder etwas sehr Ähnliches. Und er wusste, was passiert, wenn er stirbt: Dann kommt er in eine bessere Welt. Die jungen modernen weltlichen Menschen wissen nicht, wo sie leben werden. Wir wissen nicht, was wir tun werden, und wir wissen nicht, was mit uns passiert, wenn wir sterben. Das ist nicht einfach.
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taz: Heute werden immer weniger Bücher gelesen. Was bedeutet das für die Juden von morgen?
Oz: … Die Situation heute ist nicht so schlecht. Es werden noch immer viele Bücher gelesen. Wir sollten die Vergangenheit nicht romantisieren. Ob die Leute ein Buch in der Hand halten oder ein iPad – das ist eine Frage des Geschmacks. Mir persönlich ist das Buch lieber, egal ob neu ob alt. Ich rieche gerne das Papier, auf dem die Geschichte gedruckt ist.
taz: Sie schreiben nicht für Gleichgesinnte und nicht für die Andersdenkenden, sondern für die Zögernden, sagen aber, dass gerade die Leute ohne klare Überzeugungen immer weniger lesen. Geben Sie auf?
Oz: Nein, das ist kein Aufgeben, aber ich reiche die Fackel an die nächste Generation weiter. Ich habe Kinder und Enkel, die sind jetzt an der Reihe.