546: Männerquote in der Psychotherapie

Johannes Vennen ist Psychotherapeut und Experte für Männer. Er betreibt Praxen in Rendsburg und Kiel. Andrea Freund hat ihn in der FAS (16.2.14) interviewt.

FAS: Herr Vennen, Sie haben in Ihrer psychotherapeutischen Praxis eine Männerquote. Warum?

Vennen: Studien belegen, dass Männer genau so häufig psychische Probleme haben wie Frauen. Trotzdem ist nur jeder dritte Patient in den Praxen männlich. Das sagt etwas über Männer aus, aber auch über uns Psychotherapeuten. Wir müssen uns fragen, was wir ändern sollten, damit es für Männer einfacher wird, in die Praxis zu kommen.

FAS: Und da sind Sie auf die Männerquote gekommen. Wie muss man sich das vorstellen?

Vennen: Ganz praktisch, ich achte darauf, dass von meinen Patienten fünfzig Prozent weiblich und fünfzig Prozent männlich sind.

FAS: Und wie reagieren die Patienten auf die Quote?

Vennen: Die Nachfrage nach Psychotherapie von Männern hat deutlich zugenommen. Ich erlebe vor allem einen Run junger Männer Anfang 20 auf meine Praxis, für die ist es genau so selbstverständlich, zum Psychotherapeuten zu gehen, wie für Frauen. Ich glaube, da hat sich etwas getan, was das Rollenbild betrifft. Ich könnte inzwischen auch mit 100 Prozent Männern arbeiten, das möchte ich aber nicht. Und ich dürfte es auch nicht, weil ich einen Versorgungsauftrag für beide Geschlechter habe.

FAS: Welche Störungen behandeln Sie bei Männern?

Vennen: Anpassungsstörungen beispielsweise. Ich denke da an einen Achtzehnjährigen, der gerade Vater geworden ist, und es ist kein Wunschkind. Da geht es darum, mit dieser neuen Rolle klarzukommen. Klassisch aber auch Depressionen: Diese Männer leiden unter schulischen oder beruflichen Anforderungen. Prüfungsängste sind ein großes Thema, auch andere Angsterkrankungen, außerdem Zwangsstörungen. Ich hatte einmal einen Rentner mit Depressionen. Es zeigte sich, dass er ein  ganz starkes altruistisches Motiv hat, das er aber nie ausgelebt hat. Es ging in der Therapie darum, wie er dieses Bedürfnis umsetzen und sein Leben zufriedener gestalten kann. Er hat dann mit Ende 60 ein Ehrenamt übernommen.

FAS: Das heißt, man kann auch in einem höheren Alter noch Dinge verändern?

Vennen: Ja, der Älteste, von dem je eine Abfrage kam, war 80. Derzeit ist mein ältester Patient 75, und er überlegt gerade, sich von seiner Frau zu trennen. Es passt nicht mehr zwischen den beiden.

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