1. Europa befindet sich zweifellos in einer Krise. Aber es reicht nicht, das zu beschwören, sondern wir müssen mehr darüber nachdenken, wie wir aus der Lage wieder herauskommen.
2. Europa darf nicht auf die Ökonomie reduziert werden. Andererseits helfen Tabuisierungen nichts. Und so sind die Versuche richtig, die ökonomische Sanierung fortzusetzen. Sie können nicht durch einfaches Schuldenmachen ersetzt werden.
3. Die alte Erzählung von Europa, nach der sich die Völker über Generationen totgeschlagen haben, um danach zu erkennen, dass ein gemeinsam gepflegter Frieden besser ist, reicht heute zur Fundierung Europas wohl nicht mehr aus.
4. Das Verhältnis der europäischen Staaten zueinander ist gegenwärtig leider weniger von Vielfalt gekennzeichnet, die wir gerade anstreben, sondern von Hierarchie mit Deutschland an der Spitze. Das führt zu gefährlichen Wahrnehmungen und behindert den Einigungsprozess.
5. Dass einige Politiker es wirklich nicht besser wissen als wir selbst, ist wenig tröstlich. Hier sind Lernprozesse erforderlich und keine ressentiment-geleiteten Rechtspopulisten.
6. Tatsächlich haben wir in Europa keine gemeinsame Sprache, teilweise keine gemeinsame Kultur, vor allem aber keine gesamteuropäische Öffentlichkeit. Dies wird auch von einigen sehr guten Qualitäts-Medien nicht aufgewogen.
7. Es hat sich in Europa immer noch keine verbindliche Geschichtsgemeinschaft herausgebildet. Das gilt sogar für so wichtige Ereignisse wie den Ersten Weltkrieg.
8. Es sollte uns klar sein, wie wichtig das deutsch-französische Verhältnis für Europa ist. Ein Südblock mit Frankreich geht in die Irre.
9. Die Brüsseler Politik wird einerseits als „Überregulierung“ empfunden, andererseits wird sie ökonomisch und sozial doch häufig als „Liberalisierungsmaschine“ wahrgenommen.
10. Das Bild Europas in der Welt ist immer noch präsenter und seine Kultur einflussreicher als Europa-Skeptiker denken. Immer noch hat Europa eine sehr große Ökonomie, den größten Export, die beste Bildung, hohe Sozialstandards und einen Grad der Verwirklichung der Menschenrechte, die die Sehnsüchte von Menschen auch anderswo bewegt.
11. Der Begriff Europas ist stets in einer Dimension der Zukunft gesehen worden, als Frage und Prozess, der uns einlädt mitzudenken und mitzuwirken.
12. Deutschland hatte es mit Europa nach 1945 und dem nationalsozialistischen Desaster leichter als andere Staaten.
13. Die Jugend in Europa ist vielfach mehrsprachig, international ausgerichtet, aufgeschlossen in ihrer Art zu leben und zu denken. Sie wechselt häufig die Orte und hält sich offen für die Welt.
14. Über unsere Grundlagen sagt die aus Bulgarien stammende, französische Philosophin Julia Kristeva, eine Theoretikerin des Strukturalismus: „Ich spreche von jenem Wunder, das auf der Grundlage der Bibel, dreier Weltreligionen und der griechischen Antike in einem weiten Bogen das Mittelalter der Kathedralen, die Aufklärung, die Menschenrechte umfasst, das von den Gesetzestafeln über den Parthenontempel und das Kolosseum, Bethlehem und Golgatha führt, zu Notre Dame und dem Louvre, dem Britischen Museum, Dante, Shakespeare, Rabelais, Cervantes, Goethe … Es ist eine endlos unaufzählbare Geschichte …“ („Die Zeit“, 2.1.14)
15. Auch ehemals große Mächte wie Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Spanien und Portugal können ihren Platz in Europa finden. Ehemalige Regionalmächte wie Schweden und Serbien ohnehin.
16. Europa braucht einen Marshall-Plan. „Der kontinuierliche anhaltende deutsche Boom hängt wesentlich, zu zwei Dritteln, von dem gewaltigen Export in die Europäische Union ab. Dieser Erfolg hat die deutschen Gewinnmargen drastisch erhöht. Der wünschenswerte Marshallplan muss natürlich europäisch fundiert sein, aber vornehmlich von der Bundesrepublik als dem ökonomisch erfolgreichsten Staat finanziert werden.“ (Hans-Ulrich Wehler, „Die Zeit“ 2.1.14)