Murat Kurnaz wuchs in Bremen auf (SZ 27.1.14). 2001 wurde er in Pakistan verhaftet und von 2002 bis 2006 ohne Anklage und Beweise als „Terrorist“ im US-Lager Guantanamo festgehalten. Jetzt schreibt er seines Freundes Younous Chekkouri wegen an Bundeskanzlerin Merkel. Seit
zwölf Jahren
sitzt Chekkouri in Guantanamo.
„Vor ziemlich genau zwölf Jahren wurde ich von einem jungen Mann überrascht, der sich zu mir umdrehte und mich plötzlich auf Deutsch ansprach. Warum überrascht? Weil ich im Gefängnis der US-Amerikaner im afghanischen Kandahar saß und das Letzte, was ich nach Tagen der brutalen Folter erwartete, ein Gespräch mit einem anderen Gefangenen auf Deutsch war. Und sicherlich erst recht nicht mit einem Marokkaner. Aber dann erzählte mir Younous, wie er in seiner Jugend in Marokko Deutschkurse besucht hatte.“
Kurnaz weist Barack Obama darauf hin, dass er sein Versprechen Guantanamo aufzulösen, bisher nicht eingelöst hat. 77 von 155 Männern sind dort seit Langem zur Entlassung freigegeben.
„Younous spricht nicht nur einige Brocken Deutsch – so haben mir seine Anwälte erzählt, dass er seine Briefe an sie oft mit ‚Guten Tag!‘ beginnt. Seine Beziehung zu Deutschland ist noch viel enger als das. Obwohl Younous Chekkouri marokkanischer Staatsangehöriger ist, hat er enge familiäre Verbindungen hierher. Sein Onkel, seine Tante und sein Cousin leben in Deutschland und sind schon seit Jahrzehnten deutsche Staatsbürger. Sie machen sich furchtbare Sorgen um ihren Neffen. Sie möchten nichts lieber, als Younous ein Zuhause in Deutschland zu schaffen. Younous erzählte mir oft von seiner Familie hier. Wahrscheinlich ist Younous – seitdem ich nach fünf Jahren Haft freikam – der einzige Guantanamo-Häftling mit solchen engen Verbindungen nach Deutschland.“
Kurnaz berichtet von der Zwangsernährung Chekkouris wegen eines Hungerstreiks.
„Ich werde nicht nur von meinen eigenen Erinnerungen verfolgt, von den Gedanken an die Isolationshaft ohne Schlaf und Essen, die Schläge, die täglichen Demütigungen und die Brutalität. Mich verfolgen auch die Gedanken an die Menschen, die immer noch in Guantanamo sein müssen.“
Eine Rückkehr nach Marokko kommt für Chekkouri nicht in Frage. „Denn es besteht die große Gefahr, dass er dort sofort wieder inhaftiert und auch gefoltert würde. Ihm sei ausdrücklich durch Agenten des marokkanischen Geheimdienstes mit Folter gedroht worden. … Daher braucht er dringend die Unterstützung eines sicheren Landes, das bereit ist, ihn aufzunehmen.“
„Das Thema Guantanamo geht alle Menschen etwas an, auch uns in Deutschland. Frau Merkel, die deutsche Bundeskanzlerin, könnte sich genau so für Younous einsetzen, wie sie es damals für mich getan hat. … Ich appelliere deshalb an Frau Merkel: Bitte lassen Sie diesen wichtigen Moment nicht ungenutzt verstreichen. Und meinem Freund Younous wünsche ich die körperliche und geistige Kraft, um trotz der täglichen Qualen des Lebens in Guantanamo weiter durchzuhalten. Ich hoffe, dass es auch für ihn einen Neuanfang geben wird.“