1914 begann der Erste Weltkrieg. Er wird manchmal als „Urkatastrophe“ des zwanzigsten Jahrhunderts bezeichnet, weil viele seiner Folgen verheerend waren. Unter anderem die Machtergreifung Hitlers 1933. Als ich in der Schule war (1952-1965) lernten wir über die Ursachen des Ersten Weltkriegs den Satz des britischen Außenministers Lloyd George, man sei in der Krieg hineingeschliddert. Fritz Fischer („Der Griff nach der Weltmacht“ 1962) machte Deutschlands Imperialismus für den Weltkrieg verantwortlich, er sah eine deutsche Alleinschuld. Diese These habe ich in mein Buch „Deutsche Diskurse“ (2009, zweite Auflage 2010) übernommen. Sie ist anscheinend falsch. Das zeigt uns
Christopher Clarks (vgl. hier Nr. 457) Buch „Die Schlafwandler“ (2013), in dem ähnlich argumentiert wird, wie Lloyd George es getan hatte.
Herfried Münklers Buch „Der große Krieg. Die Welt 1914 bis 1918“ (2013) gelangt zu ähnlichen Ergebnissen wie Clark.
Münkler ist von Joachim Käppner und Christian Mayer in der SZ (4./5./6.1.14) interviewt worden.
SZ: Was war der Grund für Sie, Ihr Buch über den Ersten Weltkrieg zu schreiben?
Münkler: Ich wollte ein Buch schreiben, das fachübergreifend Politik und Militär, Gesellschaft und Kultur einbezieht. Ich hatte festgestellt, dass seit den Sechzigerjahren keine deutsche Gesamtdarstellung des Ersten Weltkriegs mehr erschienen war. Gewiss, es gibt viele Einzelforschungen. Aber insgesamt erschien es mir, als hätten die Historiker vor lauter Details, um im Bilde zu bleiben, schon im Aufmarschgebiet der Analyse verzagt kehrt gemacht. So dominierte noch lange die aus den Sechzigerjahren von dem Hamburger Historiker Fritz Fischer stammende These, Deutschland habe nicht nur die Alleinschuld am Zweiten Weltkrieg, sondern auch am Ersten.
SZ: Die Preußen mit der Pickelhaube als Kriegstreiber – so lernte man es lange Jahre im Geschichtsunterricht.
Münkler: Ich bestreite, wie das heute auch andere tun, die Theorie von der deutschen Alleinschuld am Ersten Weltkrieg. Natürlich war Deutschland nicht unschuldig, keineswegs. Aber der Weg in den Krieg war hochkomplex; und Fritz Fischers Methodik würde heute in keinem Proseminar mehr akzeptiert.
SZ: Jetzt kratzen Sie an einem Denkmal der linksliberalen Geschichtsschreibung.
Münkler: Fischer hat nur die deutschen Quellen ausgewertet, aber nicht von Serbien, Russland, Frankreich und Großbritannien gesprochen, die ebenfalls aus den je eigenen Gründen zum Kriege drängten. Das ist bei Fischer auch das Ergebnis einer eigentümlichen Projektion. Ausgerechnet er, ehemaliges Mitglied der SA und der NSDAP, wurde zum Wortführer einer linksliberalen Sicht auf die Zeitgeschichte. Und wie aufregend, dass Fischers Lager seinen schärfsten Kontrahenten, den Freiburger Historiker Gerhard Ritter, als Ultrarechten abstempelte …
SZ: … weil er die Alleinschuld ablehnte.
Münkler: Exakt: Ritter sprach die Deutschen nicht frei, sah ihre Fehler aber im Schlieffen-Plan und im uneingeschränkten U-Boot-Krieg. Ritter hatte während der NS-Diktatur zum Widerstand gegen Hitler gehört. Was für verquere Fronten, und was für eine deutsche Debatte! Geblieben ist aber weniger Erkenntnis als eine lange Lernblockade, ausgedrückt in der Überzeugung: Der deutsche Militarismus oder Imperialismus oder Kapitalismus hat zweimal nach der Weltherrschaft gegriffen, und unsere Aufgabe ist es, ihn nie wieder hochkommen zu lassen. Das war nach den Verbrechen des Nationalsozialismus gut gemeinte Psychotherapie, aber keine Wissenschaft. 1914 gab es Militaristen, kriegstreiberische Nationalisten und gefährliche innere Widersprüche bei allen beteiligten Nationen – man denke nur an das Russland des Zaren.
…
SZ: Sie meinen, Deutschland sei gefangen in dem Geschichtsbild, dass es schon 1914 die Welt ins Unglück getrieben habe?
Münkler: Ich meine, dass es dafür Belege gibt. Wir neigen außenpolitisch zu dem Gedanken: Weil wir historisch schuldig sind, müssen, ja dürfen wir außenpolitisch nirgendwo mitmachen; also kaufen wir uns lieber frei, wenn es darum geht, Europa an den Krisenrändern zu stabilisieren. Ein Beispiel? Das außenpolitische Desaster Guido Westerwelles beim Eingreifen der Nato gegen den libyschen Diktator Gaddafi im Jahr 2011.
…
Kommentar W.S.: Hier wird äußerst Bemerkenswertes kundgetan.
Deutschland hatte nicht die Alleinschuld am Ersten Weltkrieg.
Derjenige, der diese These verfocht, Fritz Fischer, war SA- und NSDAP-Mitglied gewesen und stiftete den falschen linksliberalen Alleinschuld-Mythos. Sein Gegner, der die Alleinschuld-These bestritt, Gerhard Ritter, hatte zum konservativen Widerstand gegen Hitler gehört.
Auch ich habe mich getäuscht und muss meine Meinung ändern.
Was ich in der Schule (1952-1965) gelernt hatte, war ziemlich genau das Richtige.
Hochrelevant sind wissenschaftliche Methoden. Wenn wir sie nicht beherrschen, können wir zu großen Fehlern kommen.
Wir erkennen hier, wie wichtig politische Theorie ist. Eine falsche Theorie kann zur falschen Politik führen wie bei Guido Westerwelle! Es ist zu hoffen, dass solche Fehler künftig vermieden werden.