Papst Franziskus ist mir sympathisch. Seit seiner Wahl im März 2013 hat er schon viel erreicht. Falls die katholische Kirche zu den von ihm angedeuteten Reformen fähig wäre, dann wäre das sehr gut für die Welt. Sie würde gerechter werden.
Jorge Mario Bergoglio, der ehemalige Kardinal aus Buenos Aires, hat sich den Namen des Heiligen gegeben, der den Reichtum verachtete und mit Tieren redete. Franziskus steht für Bescheidenheit und Demut. Er geißelt den „Geist des theologischen Narzissmus“. Zuerst fuhr er zu den Flüchtlingen auf Lampedusa. Er lebt einfach, wohnt im Gästehaus und lässt sich mit dem Auto chauffieren. Vielleicht ist er dazu in der Lage, die katholische Kirche aus der Krise zu führen. Ein Grund dafür war der massenhafte sexuelle Missbrauch von Kindern durch Kirchenleute, der 2010 offenbar wurde. Franziskus kritisiert die Kurie (Kirchenverwaltung) wegen ihrer Ineffizienz und ihres höfischen Gehabes. Der erste Jesuit auf dem Stuhl Petri hat in Aussicht gestellt, dass die katholische Kirche Neubewertungen prüfen könnte bei
der Verhütung,
der Abtreibung,
bei Homosexuellen.
Der als theologisch konservativ geltende Papst scheint eine Auseinandersetzung mit dem Reichtum der Kirche und seiner Verwendung zu beabsichtigen. Das geht meiner Meinung nach alles in die richtige Richtung. Und es ist so wichtig, weil die römische Kirche eine so alte und ehrwürdige und große und mächtige Institution ist. Es wäre also ganz falsch, zu hohe Erwartungen an das Tempo und das Ausmaß der kirchlichen Veränderungen zu hegen. Franziskus und die Reformer müssen eine wirkliche Chance haben.
Und sie müssen einen Fehler korrigieren, der das ganze Projekt gefährden könnte. Das ist die falsche Analyse des Kapitalismus (Kapital = Erwerbsvermögen, das systematisch eingesetzt wird, um einen höheren Profit zu erzielen). Zwar gibt es auch hier viele sympathische Aussagen wie die folgenden:
„Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht.“ „Wir haben neue Götzen geschaffen. Die Anbetung des antiken goldenen Kalbes hat eine neue und erbarmungslose Form gefunden im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne wirklich menschliches Ziel.“ „Die eigene Güter nicht mit den Armen zu teilen bedeutet, diese zu bestehlen und ihnen das Leben zu entziehen. Die Güter, die wir besitzen, gehören nicht uns, sondern ihnen.“ (Johannes Chrysostomus, im 4. Jahrhundert Erzbischof von Konstantinopel)
Aber die Aussage „Kapitalismus tötet.“ ist zumindest missverständlich. Wir können uns vorstellen, was damit gemeint ist, wenn z.B. in Lateinamerika (dort besonders), Afrika und Asien Landarbeitergewerkschaften für Landreformen kämpfen und dann erleben müssen, wie die von ihnen angelegten Pflanzungen von den Landlords mit ihren Bulldozern sogleich wieder zerstört werden. Wir verstehen, dass viele Geschäfte an der Börse sozial destruktiv sind.
Aber der Kapitalismus, der sich um die Mitte des 18. Jahrhunderts zuerst in Großbritannien entfaltete und die Mechanisierung und Industrialisierung entwickelte, hat viele Menschen aus der Armut herausgeführt. Als erster Theoretiker hat das Karl Marx erkannt und gelobt (er hat sich auch oft geirrt). So ist der Kapitalismus – alles in allem genommen – auch heute noch. Jedenfalls da, wo er vom Sozialstaat gebändigt seine kreativen und produktiven Kräfte entfaltet (Art. 20, 1 GG: „Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.“). Die Produktivität des Kapitalismus ist eines seiner Markenzeichen. Unverzichtbar. Und die Voraussetzung für die Lösung vieler Probleme.
Moralisch klingende und mit der rhetorischen Kraft der Bibel ausgesprochene Verdikte helfen uns wenig. Die Analyse muss stimmen. Das ist die wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Reformpolitik. Für den real existierenden Sozialismus stehen Kuba und Nordkorea. Chinas kommunistischer Feudalismus hat seine großen sozialen Krisen noch vor sich. Und Russland ist doch nur eine aufgeklärte Despotie. In den genannten Staaten werden die Menschenrechte nicht geachtet, es sind keine Demokratien und keine Rechtsstaaten. Diese gibt es nur da, wo ein sozialstaatlich gebändigter Kapitalismus herrscht.