545: Wer hat von den Enteignungen jüdischen Vermögens profitiert?

Götz Aly war es, der mit dem Märchen aufgeräumt hat, Juden seien bei ihrer Enteignung im NS-Staat regulär entschädigt worden. 2005 veröffentlichte er sein Buch „Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus“ (S. Fischer Verlag). Nun nimmt er den Fall Gurlitt zum Anlass, der Frage nachzugehen, wer von den jüdischen Enteignungen profitiert hat (FAS 1.12.13).

„Die Bilder von Cornelius Gurlitt führen zu einer gut bekannten, jedoch gern verdrängten Frage: Finden sich darunter Schätze, die deutsche Museen, Behörden, Galeristen und Kunsthändler unter dem Schein nazistischer Unrechtsgesetze zusammengerafft haben und die nach dem Krieg nicht an die Enteigneten zurückgegeben wurden?“

„Nach Jahrzehnten des Schweigens, Nichtstuns und Vergessens ist der politische Wille zur Aufklärung gewachsen. Laut dem soeben verabschiedeten Koalitionsvertrag will die noch zu bildende künftige Bundesregierung ‚die Mittel für die Provenienzforschung verstärken‘. Warum aber, so ist zu fragen, soll nur die Herkunft bestimmter Bilder erforscht werden? Sollten nicht auch – systematischer als das bisher geschieht – die Namen der Hehler, Räuber und Profiteure ins Netz gestellt werden? Warum sollen die in alle Welt verstreuten Nachkommen der vielfach mit nichts aus dem Land Gejagten und der später fast spurlos Ermordeten allein die Beweislast dafür tragen, was ihren Familien noch 1933 gehört hatte.“

„Schauen wir uns an, wie die letzten Reste aus dem Hausrat des Berliner Kondomfabrikanten Julius Fromm 1943 unter Hitlers freudige Bieter geworfen wurden. Wie üblich war das Ereignis in der Tagespresse angekündigt worden, der Andrang groß. Die Sofa-Sessel-Garnitur erwarb ein gewisser Liebert aus der Chausseestraße 59 zum Preis von 900 Reichsmark. Zwei Bilder und ein Wandteller gingen an die Familie von Gustav Adolf Bächle in der Prinzregentenstraße 4. Um die Standuhr muss heftig geboten worden sein, jedenfalls verdoppelte sich deren Preis. Schließlich erhielt der Kreuzberger Kaufmann Otto Sander, Adalbertstraße 14, den Zuschlag. Zahlreiche andere Familien steigerten ebenfalls erfolgreich mit. Am Ende verbuchte die Reichshauptkasse 2.047, 80 Reichsmark Einnahmen.“

„Zwischen 1933 und 1945 kannte die Phantasie deutscher Politiker, Finanzbeamter und Schnäppchenjäger in eigener Sache keine Grenzen, wie Juden um ihr Eigentum gebracht werden konnten. Hier soll nur die hauptsächlich praktizierte Methode skizziert werden. Zunächst wuchs der Druck zur Auswanderung enorm. Die aus ihrer Heimat Vertriebenen durften immer geringere Teile ihres Eigentums mitnehmen. Das meiste musste unter Druck billig verkauft werden oder im Lande verbleiben.“

„So gründlich wie in der amerikanischen Besatzungszone wurde die Restitution von Raubkunst nicht überall betrieben. Auch weiterhin kann und muss in den Beständen von Museen nach unrechtmäßig erworbenen Objekten gesucht werden. Damit das sichtbar geschieht, sollten sie die Listen ihrer Ankäufe während der NS-Zeit veröffentlichen. Schwieriger gestaltet sich die Suche in deutschen Wohnungen und Privathäusern. Vermutlich befinden sich dort nicht die wertvollsten, aber die meisten nicht restituierten Stücke. Deshalb gilt es, nicht allein auf den Fall Gurlitt zu starren. Vielmehr sollten sich die heutigen Besitzer von Ölbildern, Skulpturen, Zeichnungen, Drucken und kleineren Sammlungen selbstkritisch fragen, ob nicht auch bei ihnen Kunstwerke stehen oder hängen, deren Herkunft zweifelhaft sein kann. Das Internet und die von Bund und Ländern in Magdeburg betriebene Datenbank

www.lostart.de

bieten dafür gute Möglichkeiten. Dort lässt sich prüfen, ob ein bestimmtes Kunstwerk von jemandem vermisst wird, dort ließ sich aber beispielsweise auch mitteilen: Ich besitze das Ölgemälde eines bestimmten Malers mit dem folgenden Motiv, das mein Großvater 1942 vermutlich unter merkwürdigen Umständen in der folgenden Stadt erwarb. Gibt es jemanden, der dieses Bild vermisst?“

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