Jonathan Franzen hat den „Welt“-Literaturpreis 2013 erhalten. Ich kann mich noch daran erinnern, wie sein Roman „Korrekturen“, der 2002 auf Deutsch erschien, mich seinerzeit begeistert hat. Darauf komme ich vielleicht hier noch zurück. Mittlerweile hat Franzen sein Buch
„The Kraus Project“
veröffentlicht. Darin setzt er sich kritisch mit der Bereitschaft der US-Amerikaner auseinander, sich ganz der von „Silicon Valley“ lancierten Technik der „Big Data“ auszusetzen (Maximilian Probst und Kilian Trotier „Die Zeit“ 17.10.13). Ich habe Franzens neues Buch noch nicht gelesen.
Jörg Häntzschel setzt sich mit der Materie (SZ 7.10.13) in ähnlicher Weise auseinander. Er versteht die neuen Techniken der „digitalen Welt“ ganz im Sinne von
Michel Foucaults „Überwachen und Strafen“,
in dem gezeigt wird, wie immer subtilere Methoden der Machtausübung über die Massen entwickelt wurden. Darunter waren solche, die im Kleid unstrittigen zivilisatorischen Fortschritts erschienen: Schulpflicht, Jugendschutz, Gesundheitswesen, Sozialstaat. Lauter Institutionen, die dazu beitrugen, dass sich die Menschen selbst viel effektiver disziplinierten, als es irgendeiner Autorität je gelungen wäre.
Noch weiter geht
Evgeny Morozov.
Er beschäftigt sich mit den politischen Auswirkungen der „digitalen Welt“ und zeigt uns vor allem, dass die Debatte nicht technologisch, sondern politisch geführt werden muss im Sinne der politischen Ökonomie, wenn sie uns vor den Bedrängnissen des Überwachungsstaats bewahren will. Sonst gelangen wir alle, die die neuen Medien nutzen, auf den Weg nach Guantanamo. Hier liegt wahrscheinlich auch der Kern der NSA-Debatte.
Unter anderem schreibt Morozov (SZ 10.10.13): „Das Silicon Valley und viele Neoliberale betrachten die Universität als große Ressourcenverschwendung. Die Ausbildung dauert zu lange, sie ist zu teuer und fördert alle möglichen gefährlichen (sprich: nutzlosen) Ideen, die auf dem Markt nicht gebraucht werden. Die Fähigkeiten, die man für den Markt braucht, kann man sich online über Videos aneignen.“ Morozov beschreibt hier die Ideologie, der auch diejenigen anhängen, die für die Bologna-Reformen (Bachelor und Master) und für das Abitur nach acht Jahren (G 8) eintreten. Es sind Menschen, die nicht zu viel Problembewusstsein und kritische Gesellschaftsanalyse wollen, sondern Funktionäre.
„Mit der Währung ‚Information‘ kann alles zu potentiell liquidem Kapital werden. Man kann damit Geld verdienen, dass man seine Autos vermietet, seine Wohnungen, Werkzeuge, Bücher, Träume. Was uns auch ständig daran erinnert, dass wir nur unserem eigenen Geldbeutel schaden, wenn wir uns weigern, das Spiel des Teilens mitzuspielen. So wird ein Smartphone zum klingelnden Echtzeitrechner, der den Kurswert unseres Lebens bestimmt und uns deutlich macht, wie viel es wert sein könnte, wenn wir zum richtigen Zeitpunkt das richtige Geschäft machen. Das aber hat zur Folge, dass sich die neoliberale Logik bis in die privatesten Ecken unseres Lebens drängt. Das ist das, was der Wirtschaftshistoriker
Philip Mirowski
‚Alltags-Neoliberalismus‘ nennt. Das ist der Kern des Euphemismus ‚Technologie‘.“
Morozov zeigt (FAS 10.11.13), dass „Silicon Valley“ angesiedelt ist in einer wilden Kombination von militärisch-industriellem Komplex, dem außer Kontrolle geratenen Bankenwesen und der Werbewirtschaft. Mit neoliberaler Ideologie. In der angeblich ständig die „digitale Debatte“ geführt wird. In Wahrheit handelt es sich um Absatzfragen und damit die ökonomischen Grundlagen politischer Macht. Die Gegner solcher ideologischer Komplexe werden gerne als
Maschinenstürmer
hingestellt und damit als solche Menschen, die sich dem technischen und wirtschaftlichen Fortschritt verschließen.
Morozov gibt viele Beispiele. „Ein sich selbst lenkendes Auto könnte durchaus unsere Fahrt zur Arbeit weniger gefährlich machen. Aber ein sich selbst lenkendes Auto, das von Google betrieben würde, wäre nicht einfach ein sich selbstlenkendes Auto; es wäre ein Schrein für die Überwachung auf Rädern. Es würde genauestens aufzeichnen, wohin wir fahren. Es könnte uns sogar daran hindern, an bestimmte Orte zu fahren, wenn unsere – durch eine Analyse unseres Gesichtsausdrucks ermittelte – Stimmung den Verdacht nahelegt, dass wir zu zornig oder zu müde oder zu emotional sind.“
„Im vergangenen Jahr hat Facebook einen Vertrag mit einer Firma namens Datalogix geschlossen, der es dem Unternehmen ermöglichen soll, eine Verbindung zwischen Ihren Einkäufen im örtlichen Supermarkt und der Werbung herzustellen, die Facebook Ihnen zeigt. Google hat bereits eine App (Google Field), die Geschäfte und Restaurants in Ihrer Gegend ständig nach Ihren letzten Einkäufen absucht.“ Es geht um politische Ökonomie.
„Wie sollte Ihnen nicht angst und bange werden, wenn jede Bewegung, jeder Klick, jedes Telefongespräch analysiert werden kann, um vorauszusagen, ob sie einen Kredit verdienen und, wenn ja, zu welchen Zinsen?“
„Das Beunruhigende an Silicon Valley ist nicht nur, dass es der NSA die nötigen Mittel an die Hand gibt, sondern dass es sie auch ermuntert und ermutigt. Es inspiriert die NSA dazu, in einer Welt bedeutungsloser Links unablässig nach Verbindungen zu suchen, jeden Klick aufzuzeichnen und sicherzustellen, dass keine Interaktion unbemerkt, undokumentiert und unanalysiert bleibt.“
„Wenn Google oder Facebook sich täuschen und uns eine irrelevante Werbung anbieten, die auf einer Fehleinschätzung unserer Gewohnheiten beruht, führt das allenfalls zu leichtem Unbehagen. Wenn NSA oder CIA sich täuschen, führt das zu einem Drohnenangriff (und wenn Sie Glück haben, zu einer Fahrt ohne Rückfahrschein nach
Guantanamo.“
„Es gibt keinen ‚Cyberspace‘, und die ‚digitale Debatte‘ ist nur eine Ansammlung von Sophistereien, die Silicon Valley sich ausgedacht hat, damit die Manager dort nachts gut schlafen können. (Sie machen sich außerdem bezahlt.) Haben wir davon nicht längst genug? Als Erstes sollten wir ihnen ihre banale, aber äußerst effektive Sprache nehmen und als Zweites ihre fehlerhafte Geschichte. Im dritten Schritt sollten wir dann Politik und Wirtschaft wieder in diese Debatte einführen. Wir sollten die ‚digitale Debatte‘ endgültig begraben – zusammen mit dem Übermaß an intellektueller Mittelmäßigkeit, das sie bislang hervorgebracht hat.“