Hans-Joachim Maaz hat 1990 mit „Der Gefühlsstau. Ein Psychogramm der DDR“ ein Buch geschrieben, in dem er die Seelen der DDR-Bürger erkundet hat. Seither analysiert der Psychoanalytiker die Störungen der Deutschen. Dazu haben ihn Sophie Crocoll und Alexander Hagelüken interviewt (SZ 31.10./1.11.13).
SZ: Wollen Sie sagen, wir sind gestört?
Maaz: Ja, viele von uns. Eine narzisstische Störung entsteht, wenn frühkindliche Bestätigung fehlt. Je weniger die Eltern einem Kleinkind zeigen: „Wir lieben Dich, auch wenn Du vielleicht nicht alles hast, was wir uns wünschen“, desto stärker wächst das Bedürfnis, im späteren Leben beweisen zu wollen, dass man doch gut ist. Dass man es doch verdient hat, geliebt zu werden.
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SZ: Wie viele Menschen leiden nach Ihrer Meinung an einer narzisstischen Störung?
Maaz: Die meisten Deutschen. Wobei wir unterscheiden müssen zwischen einem krankhaften Narzissmus, der dringend sofort behandelt werden muss, also zum Beispiel ein Banker, der süchtig zockt. Und zweitens einem narzisstisch begründeten Fehlverhalten, das lange verborgen bleibt, weil sich viele so verhalten – also etwa der Herdentrieb, alle gieren nach höherer Rendite. Das Zweite wirkt zwar weniger dramatisch, ist aber auch gefährlich für die Gesellschaft, weil es so ein Massenverhalten ist.
SZ: Oh. Und wie viele Menschen erkennen, dass sie in der einen oder anderen Form narzisstisch gestört sind?
Maaz: Vielleicht fünf, sechs Prozent. Die meisten Menschen warten auf den Crash oder wählen die Mutti.
SZ: Mutti? Sie meinen Angela Merkel?
Maaz: Klar. ich glaube, die meisten Menschen haben eine Muttersehnsucht, wollen sich das aber nicht eingestehen. Das ist ein wichtiger Grund für ihren Wahlerfolg. Eine Mutter kann man nicht abwählen. Und man richtet die unerfüllt gebliebenen frühen Bedürfnisse wie Sicherheit und Geborgenheit auf sie, ohne sich dessen bewusst zu sein.
SZ: Angela Merkel bedient also den Wunsch nach „keine Experimente“, mit dem schon Konrad Adenauer Wahlen gewann?
Maaz: Ja. Die Krise verunsichert die Menschen. Außerdem hat sich bei vielen eine Unsicherheit aufgestaut, weil sie in der Kindheit nicht genug bestätigt wurden. Beides zusammen lässt den Wunsch nach „keine Experimente“ entstehen.
SZ: Wie viele narzisstisch gestörte Menschen schaffen es denn, später als Erwachsene für das geliebt zu werden, was sie tun?
Maaz: Das tragische Schicksal ist, dass man durch seine Störung Weltmeister werden, sehr berühmt werden und sehr viel Geld verdienen kann. Aber es hilft nicht, die frühe Schmach zu tilgen.
SZ: Viele Erfolgreiche geben vor, ziemlich glücklich zu sein.
Maaz: Man fühlt sich sekundär zufrieden, weil man erfolgreich ist, Geld hat, Action und Partys. Wenn man genauer hinschaut, geht es nicht um echte Freude, sondern um aufgesetzte, oft alkoholisierte. Diese Leute leben in einem Mainstream der Ersatzbefriedigung. Ein paar Jahre kann das gehen. Irgendwann kriegen sie Probleme mit ihren Beziehungen, die Sexualität klappt nicht mehr, sie sind beruflich nicht mehr erfolgreich oder verlieren sogar die Arbeit. Dann kommt die narzisstische Krise. Sie merken: So kann ich nicht weitermachen.
SZ: Haben Sie bei sich auch eine Störung diagnostiziert?
Maaz: Klar. Wenn ich rede wie jetzt, bin ich im Größenselbst, das heißt, ich mache mich größer, ich bilde mir ein, ich könnte Sie überzeugen. Im Privaten bin ich öfters im Größenklein, merke Ängste, Unsicherheiten. Ich bin 43er-Jahrgang. Durch die Diskussion über Kriegskinder wurde ich erst in den vergangenen Jahren darauf aufmerksam, dass die Symptome, die ich habe, auch aus einer früheren Traumatisierung stammen, die ich bisher verleugnet habe.
SZ: Was haben Sie da entdeckt?
Maaz: Ich habe es schwer, mich aggressiv zu behaupten. Gegenüber meinen Eltern durfte ich nicht aggressiv sein.
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SZ: Haben die Medien damit zu tun?
Maaz: In den Medien werden die Probleme oft aufgebauscht. Der US-Präsident Bill Clinton damals, die Sexaffäre mit einer Praktikantin, meine Güte! Dieser angeblich stärkste Mann der Welt wird so vorgeführt und lässt sich so vorführen. Als er gesagt hat, es war kein Sex, da habe ich gedacht: Du armes Schwein. Warum sagst du nicht: Ja, ich brauche hin und wieder Sex, mit meiner Frau geht das nicht. Also habe ich mir das so geholt, damit ich für euch ein guter Präsident sein kann. Das wär’s doch.
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SZ: Ist es nicht leicht, jegliches Verhalten mit narzisstischer Störung zu erklären?
Maaz: Es ist nichts Leichtes, die Schuld der Eltern zu erkennen. Das ist eine bittere, schwierige Auseinandersetzung. Man muss feststellen, was alles nicht gut war in der Kindheit.
SZ: Was machen Eltern denn alles falsch?
Maaz: In den ersten drei Jahren braucht das Kind eine Beziehungsperson, die zuverlässig da ist. Eine gute Bindung. Deshalb entsetzt mich, dass wir in ganz Deutschland jetzt DDR-Verhältnisse anstreben: eine sehr frühe Trennung von Mutter und Kind. Da wird nicht mehr aus der Perspektive des Kindes gedacht.
SZ: Die Mutter muss zu Hause bleiben, damit sich das Kind gesund entwickelt? Das klingt sehr reaktionär.
Maaz: Wie kann die Sorge um das Wohl des Kindes reaktionär sein? Die Beziehungsperson muss nicht ein Elternteil sein, aber die Mutter hat durch Schwangerschaft und Geburt schon eine gewisse Bindung. Die ist nicht ohne weiteres zu delegieren. Sie muss auch nicht von morgens bis abends da sein, es geht um die Qualität des Zusammenseins.
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SZ: Veränderung wohin?
Maaz: Als Psychotherapeut will ich Menschen dazu befähigen, nicht mehr im materiellen Wachstum ihr Glück zu sehen. Sie sollen Reichtum und Befriedigung nicht darin finden, immer mehr zu konsumieren, sondern in zwischenmenschlichen Beziehungen. Der Mensch will verstanden werden, Gefühle zeigen können. Davon hat er mehr, als wenn er sich das nächstgrößere Auto leistet.
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