Der Literaturwissenschaftler Conrad Wiedemann hat den Begriff „Berliner Klassik“ erfunden. Jens Bisky hat ihn in der SZ (12.4.13) interviewt.
SZ: Wann beginnt die Berliner Klassik, wann endet sie?
Wiedemann: Sie dauert im Kern dreißig Jahre, von 1786, dem Tod Friedrichs des Großen, bis 1815, dem Beginn der Restauration. Danach ist das von Griechenglauben und romantischer Opposition flankierte klassische Individualbildungsprojekt zwar nicht zu Ende, doch scheint der anfängliche Emanzipationswille erschöpft. Was diesen Aufbruch betrifft, so gibt es für mich eine Berliner Urszene: den Freundschaftsbund zwischen
Lessing und Moses Mendelssohn
von 1754. Durch ihn wurde Mendelssohn zum weisen Nathan und als solcher zum Schöpfer des modernen Judentums, was wiederum heißt, dass der Eintritt der Juden in die säkulare westliche Welt von Berlin ausging. Dieses konkret gewordene „Wagnis der Autonomie“ hat Cord Berghahn jüngst als typisch für das klassische Berlin erkannt. Von Mendelssohn inspiriert begann 1791/92
Rahel Levin-Varnhagen
als erste jüdische Frau in die urbane Öffentlichkeit hineinzusprechen, wobei sie durchaus nicht verhehlte, was es hieß, als Jüdin öffentlich zu sprechen. Kein Wunder, dass sie ihre Salongäste und Briefpartner mit ihrer quasi unbefugten Rede behexte.