Am 9. September 2.000 wurde Enver Simsek, ein Blumenhändler, in Nürnberg von den NSU-Terroristen Böhnhardt und Mundlos ermordet. Weil er ihnen als Türke erschien. Die Täter fotografierten ihr Opfer und machten später daraus ein Video mit dem rosaroten Panther (Necla Kelek „Literarische Welt“ 9.3.13).
Simseks Tochter Semiya hat nun ein Buch darüber veröffentlicht:
Schmerzliche Heimat. Deutschland und der Mord an meinem Vater. Rowohlt, Berlin 2013, 272 S., 18,95 Euro.
In dem Buch schildert Simsek die Migrationsgeschichte ihrer Eltern und ihre glückliche Kindheit in Hessen. Der Vater hatte seine Frau mit siebzehn Jahren geheiratet und war 1984 nach Deutschland gekommen. Zunächst arbeitete er in einer Fabrik, um sich dann, Zug um Zug, als Blumenhändler zu etablieren. In dem Buch werden viele Einzelheiten über die gewerbliche Existenz des Vaters geschildert. Einfach deshalb, weil diese nach dem Mord quasi gegen den Vater gewendet wurden. Dass er zu Steuern und Sozialversicherung ein etwas lockeres Verhältnis hatte, dass es aus der Türkei stammende Konkurrenten gab, dass auf Wunsch der Mutter eine Pilgerreise nach Mekka unternommen wurde, dass die Familie sich in der Türkei ein Haus gebaut hatte. Etc. Semiya Simsek schildert das Leben ihres Vaters als „eine deutsche Karriere“.
Die deutschen Sicherheitsbehörden fragten sich: „War es vielleicht Rache eines Konkurrenten? Ging es um Spielschulden? War es ein Auftragsmord im Drogenmilieu? Gab es politische Motive oder eine Schutzgelderpressung? Weil man keinen Anhaltspunkt hatte, ermittelte man im Umfeld des Opfers. Und nur da.“ So kam das totale Versagen von Polizei, Bundeskriminalamt und Verfassungsschutz auch noch für die folgenden elf Morde auf den Weg. Unfassbar. Furchtbar. Wir warten heute noch auf die Aufklärung durch zwei Untersuchungsausschüsse. Deren Ergebnisse sollten wir dann sehr ernst nehmen.
Denn es geht ja um den täglichen Rassismus in unserer Gesellschaft. Und um den fürchterlichen Verdacht, dass bei unserer Polizei, beim Bundeskriminalamt und beim Verfassungsschutz viele Menschen tätig sind, die rechtsextremen Gedanken anhängen. Das muss dringend aufgeklärt werden.
Nicht ganz so wichtig ist der „Offene Brief an den deutschen Staat und die deutsche Öffentlichkeit“, den 28 Islam- und Türkenverbände publiziert haben. Aber auch der ist sehr ernst zu nehmen. Denn der Nährboden für die ungeheuerlichen Morde liegt nach Meinung dieser Verbände im „negativen Bild des Türken und des Islam im Allgemeinen“. Ist das so inplausibel? Hat, wie diese Verbände meinen, nicht „die Fokussierung auf Zwangsheirat, Kopftuchverbote und Islamisierung Deutschlands sowie die Verschärfung der Familienzusammenführung bei türkischen Staatsbürgern“ zu einem gefährlichen rassistischen Meinungsklima geführt?
Necla Kelek ist anderer Meinung. „Offen werden die politischen Ziele der Islam- und Türkenverbände unter das Thema ‚Bekämpfung des Rassismus‘ subsumiert, werden Rassismus und Kritik der Politik am Islam in einen Topf geworfen. Über die Betroffenheit soll Kritik am Islam tabuisiert werden. Darüberhinaus wird eine Kollektivschuld der deutschen Mehrheitsgesellschaft unterstellt.“