Johannes Reißland ist Geschäftsführer des „Forums Anders Reisen“, in dem 130 Veranstalter organisiert sind. Sie haben sich auf nachhaltige Reisen spezialisiert. Harald Zeiss ist Professor für Tourismusmanagement an der Hochschule Harz und leitet das Nachhaltigkeitsmanagement des Reisekonzerns TUI. Beide wurden von Jochen Temsch und Monika Maier-Albang für die SZ zu Reisen interviewt (7.3.13)
SZ: Wer wirklich grün Urlaub machen möchte, darf nicht weiter als nach Balkonien reisen, oder?
Reißland: Wenn man Nachhaltigkeit in der letzten Konsequenz betreibt, auf jeden Fall. Denn jede Beförderung verursacht CO 2. Aber da Nachhaltigkeit auch soziale und ökonomische Aspekte hat, wäre es zu kurz gegriffen zu sagen: Man muss nur zu hause bleiben, und alle Probleme sind gelöst. Viele Staaten sind auf internationalen Tourismus angewiesen.
SZ: Gibt es Reiseformen, die aus ökologischer Sicht gar nicht in Ordnung sind?
Reißland: Ja, Kurzflüge. Also Flüge, bei denen das Verhältnis von Flug und Aufenthaltsdauer im Land nicht stimmt.
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SZ: Wie lange sollte eine Fernreise aus Ihrer Sicht dauern?
Reißland: Bei uns dürfen Fernreisen nur mit Mindestaufenthaltsdauern angeboten werden – für Thailand sind das zwei Wochen. Ich bin aber dafür, noch länger zu bleiben und dafür auf eine weitere Reise in absehbarer Zeit zu verzichten. Wenn man also in einem Jahr eine Fernreise macht, sollte man im nächsten Urlaub in der Nähe bleiben. Ein weiteres wichtiges Thema ist der Zubringer. Die Inlandsflüge erzeugen überproportional viel CO2. Deshalb sagen wir: Bis zu einer Anreise von 700 Kilometern sollte man nicht fliegen. Alternativen sind die Bahn und – erfreulicherweise neuerdings – Fernbusse, die ebenfalls mit wenig CO2-Ausstoß unterwegs sind.
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SZ: Ist Reisen mit grünem Gewissen doch vor allem eine Einkommensfrage?
Reißland: Nein. Wenn ich seltener fliege und dafür länger bleibe, gebe ich auch weniger Geld aus. Ich muss nicht reich sein, um mich vernünftig zu verhalten. Es geht um die bewusste Entscheidung und darum, Prioritäten zu setzen.
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SZ: Kann man überhaupt grün in See stechen?
Reißland: Kann man derzeit nicht, da alle Kreuzfahrtschiffe mit Schweröl fahren. Der Boom im Kreuzfahrtmarkt ist unserer Ansicht nach eine Fehlentwicklung, da auch die Destinationen oft mit den Touristenmassen überfordert sind. Es ist überhaupt nicht zu verantworten, dass die Tourismusindustrie sich mit großen Schiffen durch die Weltmeere bewegt. Hier ist auch die Gesetzgebung zu langsam. In der Nord- und Ostsee darf zwar ab 2015 nicht mehr mit Schweröl gefahren werden, aber im Mittelmeer ist das weiter zugelassen. Und Rußpartikelfilter werden von den Reedereien leider auch nicht eingebaut.
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SZ: Kann es nicht sogar sozialverträglicher sein, in einem Massenhotel am Rande einer Insel Urlaub zu machen, statt in kleinen Gruppen Einheimische zu stören?
Zeiss: Eine Woche All-Inclusive-Urlaub in der Dominikanischen Republik trägt mehr zur Armutsminderung bei als ein Leben lang Fair-Trade-Kaffee zu trinken. Selbst ein abseits am Strand gelegener Hotelkomplex hat einen enormen Einfluss auf die Reduktion der Armut. Das Bild, dass jeder Dollar, der in eine Urlaubsreise investiert wird, am Ende wieder in Deutschland ankommt, stimmt einfach nicht. Der Tourismus bringt den Einheimischen viel mehr Einkommen als etwa die Textil- oder Obstindustrie. Von 1.400 Euro, die man für seinen Urlaub ausgibt, bleiben bis zu 450 Euro bei den Einheimischen.
Reißland: Ich bin generell gegen Fernreisen zum Badeurlaub. Und ich würde schon sagen, dass bei einer Kulturreise, wie wir sie anbieten, mehr bei den Einheimischen ankommt, weil unsere Veranstalter bevorzugt mit kleinen, inhabergeführten Betrieben und lokalen Anbietern zusammenarbeiten.
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SZ: Das klingt, als wären Sie beide gar nicht so weit voneinander entfernt.
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Reißland: Es gibt ja auch tolle Ziele, die nicht weit entfernt liegen: zum Beispiel den Nationalpark Wattenmeer. Oder mit dem Zigeunerwagen durch die Vogesen fahren. Ich freue mich über jeden, der so etwas macht.