In 30 Sprachen ist der Roman des Mazedoniers Goce Smilevski mit dem Titel „Freuds Schwester“ schon übersetzt worden (Felix Stephan SZ 7.3.13). Der 1975 geborene Smilevski hat in Prag, Budapest und seiner Heimatstadt Skopje studiert. Der Roman behandelt Adolfine Freud, die unter den fünf Freud-Schwestern als „hässliches Entlein“ galt. Sie bleibt unverheiratet und kann ihre Manieren nicht in Paris schulen. Ihren später berühmten großen Bruder bewundert und liebt sie zunächst. Bis sie ihn beim Masturbieren erwischt. Ihre große Liebe verliert sie. Als sie niemand mehr hat, lässt sie sich in eine Irrenanstalt einliefern. Ein großer Teil der Romanhandlung findet in Hospitälern, Anstalten, Konzentrationslagern statt. „Im KZ trifft Adolfine Freud auf Ottla Kafka, die Schwester von Franz, auf Johanna Broch, die Mutter von Hermann, auf Mia Kraus, die Schwester von Karl.“ Allein Klara Klimt, Gustav Klimts Frau, gelingt es, Hosen zu tragen und sich Gehör zu verschaffen.
Adolfine gehört zu den intelligenten Frauen, die seinerzeit noch darauf gedrillt waren, niemandem ein schlechtes Gefühl zu machen. Die Theorie ihres Bruders mit dem Konzept der Hysterie oder des Penisneids entspricht dem, obwohl er später ja noch weiter gekommen ist. „Als jüdische, empfindsame Frau war sie in jedem Kampf, den ihr ihre Zeit aufbürdete, chancenlos.“ Im Roman erklärt sie ihrem Bruder auf einer Venedig-Reise: „Alle, die glauben, dass sie durch das von ihnen Geschaffene unsterblich werden – ganz gleich, ob das Kinder sind, die sie gezeugt haben und die durch ihr Blut das Blut der Erzeuger weitertragen, oder ob es künstlerische oder wissenschaftliche Werke sind, – sie alle irren sich ganz furchtbar. Denn all das ist ja aus Materie gemacht, und eines Tages wird die Materie erlöschen und verschwinden.“
Als Freud nach dem Einmarsch der Deutschen und dem Anschluss Österreichs 1938 von seinen Freunden fast genötigt wird, zu emigrieren und vorher eine Liste mit den Personen zusammenzustellen, die er mitnehmen will, fehlt Adolfine auf dieser Liste. Im Roman nimmt sie das widerstandslos hin. Wenige Jahre später werden vier seiner Schwestern im Konzentrationslager ermordet. Bei dem Gedanken daran stockt einem ja nach wie vor der Atem. Und war das nicht mit den Schwestern von Kurt Tucholsky genauso? Furchtbar.
Die US-amerikanische Philosophin Martha Nussbaum sieht den Erfolg der US-Fernsehserie „Girls“, in der ein Porträt zeitgenössischer Weiblichkeit gezeichnet wird, darin begründet, dass darin ständig gegen das Gebot des „Do not make anyone uncomfortable“ verstoßen werde. Wenn sich Männer hingegen an ihren Ex-Freundinnen rächten, nenne man sie „Comedians“, „Schriftsteller“ oder „Philip Roth“.