361: Rüpel gegen Rambos – der Streit zwischen Auto- und Fahrradfahrern

Der Präsident des Deutschen Verkehrsgerichtstags, Kay Nehm, 71, von 1994 bis 2006 Generalbundesanwalt, hatte Ende Januar Fahrradfahrer scharf kritisiert. „Kaum ein Radler kümmert sich um Ampeln oder die Fahrtrichtung. Die offensichtliche behördliche Duldung lebensgefährlicher Verhaltensweisen vieler Radler ist ein Skandal.“

Das ist auf harsche Kritik gestoßen. Auch beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC), dessen Geschäftsführer Burkhard Stork betont, dass es in Deutschland um 40 Millionen Radfahrer geht, unter denen sich der eine oder andere auch mal ein wenig anmaßend verhalte. Nehm und Stork sind von Roman Deininger und Marten Rolff in der SZ (20.2.13) interviewt worden.

Nehm erläutert seine Kritik: „Mir ging es nie ums Anprangern, sondern um das Vollzugsdefizit. Mit Verboten ist es ja nicht getan. Sie brauchen auch spürbare Kontrollen. Gerade bei Radfahrern gibt es viel zu wenige. Ich beobachte selber, wie viele ihr Leben gefährden, indem sie etwa in der Dämmerung ohne Licht in die falsche Richtung fahren. Warum läuft das Radeln in Münster so gut? Unter anderem, weil die dortige Polizei Kontrolltage eingeführt hat. Die Verstöße sind um 20 Prozent zurückgegangen. Bei Autofahrern wäre das übrigens nicht anders.“

Nehm nennt zwei Ursachen für das schlechte Image von Radfahrern. Einmal die mangelnde Vorschriftenkenntnis. Zweitens die Selbstwahrnehmung der Fahrradfahrer als großartige Gutmenschen („Sie tun etwas für ihre eigene Gesundheit und entlasten die Krankenkassen, sie sind umweltbewusst und verbessern die CO 2-Bilanz. Drittens entlasten sie den Straßenverkehr insgesamt.“).

Burkhard Stork verweist darauf, dass die meisten Fahrradfahrer einen Führerschein besitzen und insofern die Verkehrsregeln kennen. Die Autofahrer verhielten sich im Verkehr grundsätzlich nicht anders als Radfahrer („Stellen Sie sich doch mal an eine Kreuzung und zählen die qualifizierten Rotlichtverstöße.“). Und weiter: „Für Verbesserungsvorschläge brauchen Sie nur, wie ich, morgens die Friedrichstraße in Berlin-Mitte durchzuradeln. Da sind alle Ampeln auf Autogeschwindigkeit getaktet. Für Radfahrer heißt das trotz zügiger Fahrweise: ständig Rot. Nervig! … Ein anderes abendfüllendes Thema wäre eine Neuordnung des Rechtsabbiegens, wo Radfahrer ständig durch Autos gefährdet werden. Hier gibt es erschreckend viele Verkehrstote. Die meisten Opfer sind ältere Radler.“

Stork sieht drei „Knackpunkte“: Welche Flächen müssen Autofahrer abgeben? Wer darf welche Straßen wie nutzen? Und beschränken wir das Tempo in den Innenstädten generell auf 30?

Nehm: „Tempo 30? Damit werden Sie nichts erreichen, außer, die Autofahrer gegen sich aufzubringen. Das verändert den Stadtverkehr völlig.“ Nehm ist für Tempo 30 bei Bedarf, an ausgewählten Stellen, wo die Geschwindigkeitsbegrenzung erforderlich ist.

Das von der SZ moderierte Gespräch zwischen Nehm und Stork verlief recht sachlich. Bei allen Gegensätzen. Ich nehme ständig als Fahrradfahrer, Fußgänger und Autofahrer am Verkehr teil, habe alle Führerscheine vom Moped bis zum Lkw. Ich finde folgende Perspektiven angemessen: Autofahrer sind genau so gute Menschen wie Fahrradfahrer. Radfahrer sollten bei Dunkelheit nur mit funktionierender Beleuchtung fahren. Sie sollten insbesondere Rücksicht auf Fußgänger und darunter die alten Menschen nehmen. Keineswegs sind Fahrradfahrer in der Mehrheit radelnde Rambos. Das sind nur wenige meistens junge Männer. Die sollten verurteilt werden.

Und: verschont uns mit den Ideologen, die uns die Fahrradwege wegnehmen wollen und generell für Tempo 30 in der Stadt plädieren. Überlegen wir alle einmal, was wohl unbewusst hinter solchen Wünschen steckt! Heraus käme eine große, allgemeine Verkehrsbehinderung. Das kann ja nicht der Sinn der Sache sein.

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