Edzard Reuter, der Vorstandsvorsitzende von Daimler-Benz von 1987 bis 1995, hat ein Buch über Europa geschrieben: „Egorepublik Deutschland. Wie uns die Totengräber Europas in den Abgrund reißen“. Dieses Buch hat viele Leser verdient. Reuter beschwört die Einheit Europas. Auch im Interview mit der „Zeit“ (Mark Schieritz 14.2.13).
Zeit: Herr Reuter, Sie waren einer der mächtigsten Automanager der Republik. Warum haben Sie ein Buch über Europa geschrieben?
Reuter: Weil ich mir große Sorgen mache, dass wir die Chancen für ein gemeinsames Europa verspielen. Wir reden vor allem über finanztechnische Maßnahmen zur Bekämpfung der Krise – von Europa als politischem und ökonomischem Gesamtprojekt ist kaum noch die Rede.
Zeit: Worin besteht dieses europäische Gesamtprojekt für Sie?
Reuter: In einer echten Gemeinschaft mit zentralen und demokratisch legitimierten Beschlussorganen, die die europäischen Angelegenheiten regeln – in der Wirtschaftspolitik, der Verteidigungspolitik und der Außenpolitik. Wir müssen in Europa schrittweise zu einheitlichen Lebensverhältnissen kommen, wie sie das Grundgesetz auch für Deutschland vorsieht.
Zeit: Dieses Ziel lässt sich doch nicht einmal in Deutschland verwirklichen. Das Saarland erhält seit Jahrzehnten Geld aus dem Länderfinanzausgleich, und trotzdem ist es immer noch eines der ärmsten Bundesländer.
Reuter: Das ist wahr, und natürlich gibt es noch viel zu tun. Aber dennoch sind die regionalen Unterschiede innerhalb Deutschlands nicht so groß wie in Europa. Und wir haben in den neuen Bundesländern bei der Angleichung der Lebensverhältnisse dank des Solidarbeitrags gewaltige Fortschritte erzielt. Wenn die deutsche Vereinigung gelungen ist, warum soll die europäische nicht gelingen?
Zeit: Vielleicht weil die Menschen sie nicht wollen? Schon jetzt hält sich bei den Wählern die Begeisterung für Europa in Grenzen.
Reuter: Weil es an Politikern fehlt, die glaubwürdig sind und den Bürgern die Wahrheit sagen – dass wir nämlich auf nationale Souveränität verzichten und Opfer bringen müssen. Wir haben einen Mangel an charismatischer Führung.
Zeit: Und Führung heißt, die Menschen zur Zustimmung für ein Projekt zu überreden, das sie eigentlich ablehnen?
Reuter: Nicht überreden, sondern überzeugen. Ich bin nicht für eine Euro-Diktatur. Ich kritisiere, dass dem heutigen politischen Personal der Mut fehlt, beim Thema Europa Visionen zu entwickeln und dafür zu kämpfen. Helmut Kohl konnte das. Helmut Schmidt auch. Der Bundeskanzlerin geht das völlig ab. Ich weiß bis heute nicht, was ihr eigentlich vorschwebt. Sie ist eine Pragmatikerin, die Feuer auslöscht. Und hier gilt der Satz von Jacques Delors: Wir brauchen nicht nur Feuerwehrleute, wir brauchen auch Architekten.
Zeit: Immerhin hat es Angela Merkel hinbekommen, dass Deutschland den Rettungsmaßnahmen zustimmt. Vielleicht ist die Politik der kleinen Schritte einfach klüger als der große Wurf.
Reuter: Ich habe großen Respekt vor ihrer Leistung. Sie hat den Eindruck erweckt, deutsche Interessen wahrzunehmen. Das war ohne Zweifel geschickt. Aber das ist doch politischer Opportunismus und nicht politische Führung! Auf Dauer ist das nicht erfolgreich. Irgendwann wollen die Menschen wissen, wohin die Reise geht.
Wilfried Scharf: Ich wünsche mir eine nordatlantische Freihandelszone. Sie würde den USA und Europa nützen. Aber die USA sind schwer angeschlagen. Von den Haushaltsdefiziten, vom religiösen Fundamentalismus, von den Folterpraktiken in Guantanamo und anderswo, von Abu Ghraib. Wir Europäer sind nach wie vor angewiesen auf die US-Waffenarsenale (insbesondere bei aktuellen, gezielten Einsätzen in der Region). Und die Dominanz der USA und Israels auf dem Gebiet der Drohnen. Aber davon müssen wir uns langsam und allmählich lösen. Europa muss auf den erforderlichen Feldern aufrüsten, um unabhängiger und handlungsfähig zu werden.
Dass Russland mit seiner Autokratie (keiner „lupenreinen Demokratie“) für uns kein Modell ist, liegt auf der Hand. In China herrscht die kommunistische Partei, ein diktatorisches Relikt aus dem 20. Jahrhundert. Indien ist eine auf Hinblick auf die Menschenrechte rückständige Gesellschaft. Und Brasilien ist von Korruption und Gewalt zerfressen. Alles keine Modelle für Europa.
Europa muss außenpolitisch und militärpolitisch weiter entwickelt werden. Wir brauchen hier mehr Angleichung der Lebensverhältnisse. Das müssen wir versuchen trotz Griechenland, Cypern etc. Eine aussichtsreiche Alternative dazu gibt es nicht.